Die Würde der Differenz

 
Postkartenmotiv "Einigkeit und Recht...", IKW 2014

Die Vielfalt der Religionen hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur ihre faszinierende, sondern auch ihre Furcht auslösende Seite offenkundig werden lassen. Vielfach ist anstelle des interessanten Anderen das bedrohlich erscheinende Andere, schlimmer noch die Wahrnehmung des Anderen als Bedrohung getreten. Repräsentanten der Religionen tragen mitunter ihren Teil zu dieser negativen Entwicklung bei, da sie immer wieder und oft ausschließlich das Unterscheidende zwischen den Religionen betonen und den Anderen als Negativfolie für das Eigene nutzen.

Zweifellos unterscheiden sich die Religionen voneinander – in ihren Heiligen Schriften als Grundlagen des Glaubens, in ihren Vorstellungen von Gott, in ihren Riten und Festen. Mitunter beeinflussen auch kulturelle Prägungen die religiösen Äußerungen. Die Forderung, Menschen anderer Religionen und Kulturen sollten sich anpassen und ihre »Wahrheiten« aufgeben, wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts angesichts einer pluraler werdenden Gesellschaft verstärkt erhoben. Belege für diese Haltung finden sich beispielsweise in Debatten und Leserbriefen zu Moscheebauten. Die Vorstellung, Friede in einer Gesellschaft werde erst möglich, wenn es keine Andere mit ihren Wahrheitsansprüchen gibt, ist nicht nur illusorisch, sondern auch gefährlich. Im Kern besagt sie doch, für eine Gesellschaft sei es besser, wenn es keine Anderen mehr gäbe oder zumindest nur solche, die in den Vorstellungen, was wahr und richtig sei, weitgehend mit uns übereinstimmten oder weit entfernt lebten.

Unterschiede würdigen

Der Weg in einer kulturellen und religiösen Vielfalt muss ein anderer sein, einer wie ihn das Leitwort der Interkulturellen Woche 2014 aufgezeigt: »Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern«. Dieser in diesem Motto ausgewiesene Weg öffnet sich, wenn die »Würde der Differenz« anerkannt wird. Die »Würde der Differenz« (Dignity of Difference) ist der Titel eines Buches, das der Rabbiner Jonathan Sacks im Jahr 2005 veröffentlicht hat. Darin vertritt er die Position, dass es in der interreligiösen Begegnung und im interreligiösen Dialog nicht nur um das Entdecken von Gemeinsamkeiten, sondern auch um das Respektieren von Unterschieden geht. Unterschiede sind nicht nur zu ertragen, sondern zu würdigen. Die Achtung der Würde der Differenz ist in einer kulturell und religiös vielfältigen Gesellschaft eine, vielleicht die wesentliche Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben.

Die Würde der Differenz anzuerkennen, bedeutet mehr, als Vielfalt zu managen. Die Grundlage eines Konzeptes »Würde der Differenz« ist die Überzeugung, dass Vielfalt nicht als Problem, sondern vielmehr als Bereicherung angesehen wird.

Foto aus der IKW 2014 "Beste Freunde 2" von Jurij Ils aus EsensGemeinsamkeiten entdecken

Menschen unterschiedlicher kulturel-ler Prägung, unterschiedlicher religiöser Beheimatung und weltanschaulicher Auffassung sind nicht nur unterschiedlich. So ist etwa der Wunsch nach einem Leben in Geborgenheit und Sicherheit, nach Anerkennung und Respekt, die Freude über die Geburt eines Kindes und die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg Menschen gemeinsam.

Die Traditionen des Judentums, Christentums und Islams kennen die Erzählung von der Erschaffung des ersten Menschen – Adam sein Name, übersetzt: der von der Erde Genommene. Bereits in diesem Namen ist das Wissen um die grundlegende Gemeinsamkeit aller Menschen enthalten. Wir alle sind aus der gleichen Erde geschaffen, wir sind nicht grundverschieden.

Einige Hinweise für Begegnungen:

1. Wie geht es dir?
Um Menschen anderer religiöser Beheimatung kennenzulernen, ist es ein Anfang, aber zu wenig, Informationen über andere Kulturen und Religionen einzuholen sowie durch Vorträge und Bücher Gemeinsames und Unterscheidendes zu finden. Um Gemeinsamkeiten nicht nur theoretisch zu benennen, sondern auch konkret aufzuspüren, sind Begegnungen wichtig. Und diese interreligiösen Begegnungen beginnen nicht mit der Frage: »An welchen Gott glaubst denn du?«, sondern mit der einfachen, aber ehrlichen Frage: »Wie geht es dir?« Mit der Bereitschaft, dem Anderen zuzuhören und selbst von sich zu erzählen, eröffnet sich der Weg zum Verstehen. Jede dialogische Begegnung arbeitet nicht eine »Dialogtechnik« ab, sondern beginnt mit dem und ist getragen vom Interesse am Anderen.

2. Die Kunst des Gespräches lernen
Dieses Interesse ist auch die Grundlage eines Dialogs auf Augenhöhe, dessen Ziel nicht sein kann, den Anderen zu widerlegen, sondern ihn zu verstehen. »Wir müssen die Kunst des Gesprächs lernen, aus dem sich Wahrheit nicht wie in den sokratischen Dialogen mittels der Widerlegung des Falschen ergibt, sondern aus dem ziemlich anderen Prozess, bei dem wir uns unsere eigene Welt durch die Anwesenheit anderer erweitern lassen, die radikal anders als wir denken, handeln und die Wirklichkeit deuten« (Jonathan Sacks, 2007, 42). Die Kunst des Gesprächs liegt zum Wesentlichen in der Kunst, zuhören zu können.

3. Den Anderen nicht kategorisieren
Die meisten Menschen brauchen Ordnung und Ordnungen, alles hat seinen Platz, wo es hingehört. Das mag für Geschirr und Handtücher, für Rechnungen und Bücher gelten, darf aber nicht auf Menschen übertragen werden. Menschen werden allzu schnell durch ein einziges Merkmal ihrer Existenz eingeordnet: Der da ist »Muslim«, »Christ«, »Deutscher«, »Roma«, ein Mensch mit »Migrationshintergrund«. Eine Person ist aber keineswegs nur durch ein einziges Merkmal zu identifizieren. Wer einen Menschen in einer Kategorie einfangen will, wird der Person nicht gerecht und verbaut sich den Zugang zu ihr.

4. Mit Missverständnissen rechnen
Im Alltag erleben wir, dass Missverständnisse vorkommen. Worten, Begriffen und Bildern können auf dem Hintergrund unterschiedlicher Biografien, sozialer Situationen, kultureller und religiöser Prägungen unterschiedliche Bedeutungen beigemessen werden. In interkulturellen und interreligiösen Begegnungen sollte eher von mangelndem als vom sofortigen Verstehen ausgegangen werden. Eine solche Haltung führt nicht zum Abbruch der Begegnung, sondern bewahrt davor, Unbekanntes und Fremdes nur in den eigenen Kategorien zu denken und zu deuten. Verstehen – rational und emotional – benötigt Zeit.

5. Unterschiede feiern und gemeinsam handeln
Lernen, auch gemeinsames Lernen, erfolgt nicht nur kognitiv. Gemeinsamkeiten finden und Unterschiede feiern ist nicht nur eine Sache des Kopfs. Im gemeinsamen Essen und Feiern erfolgen Begegnung und Kennenlernen auf einer anderen Ebene. Interreligiöse Begegnungen sollten diese Dimension miteinbeziehen und einplanen.

Unterschiede feiern meint jedoch nicht die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Habenichtsen und Besitzenden auszublenden, sondern sich in einer Allianz über Gruppen-, kulturelle und religiöse Unterschiede hin-weg für Frieden und Gerechtigkeit im Kleinen wie im Großen einzusetzen. Im »Dialog des Handelns« sind Gemeinsamkeiten im Tun zu finden. Diese Form des Dialogs erscheint mir heute die notwendige zu sein.


Literatur
Jonathan Sacks: The Dignity of Difference. How to avoid the Chlash of Civilisations, London/New York 2005.
Jonathan Sacks: Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können, München 2007.

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Dr. Werner Höbsch
Weitere Informationen:

Werner Höbsch ist Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Dr. Werner Höbsch
Leiter des Referates Dialog und Verkündigung im Erzbistum Köln
Tel.: 0211 / 16 42 72 05
werner.hoebsch@erzbistum-koeln.de