Flüchtlinge Willkommen heißen, begleiten, beteiligen - Eine Praxishilfe für Kirchengemeinden

 

Es gehört zu den elementaren Aufgaben der Christenheit und der Kirchen, für verfolgte und gefährdete Menschen einzutreten. Das biblische Gebot, den Fremden zu schützen, findet sich in ähnlichem Wortlaut an verschiedenen Stellen der Bibel.

Die Bedeutung des Schutzes des Fremden ist in der Geschichte Gottes mit seinem Volk selbst begründet: Die Israeliten fliehen mit der Hilfe Gottes vor Armut und Unterdrückung durch die Ägypter in die Wüste. Erst nach vielen Jahren der Wanderung findet das Volk ein neues Zuhause im ihnen fremden Land Kanaan. Das Volk Gottes hat selbst Migrationserfahrung.

Der Auftrag Gottes, den Fremden aufzunehmen, findet sich auch in der Verkündigung Jesu. Es ist eines der sieben Werke der Barm­herzigkeit, die Jesus in seiner Rede vom Weltgericht nennt: »Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich auf­ge­nom­men.«

Der Auftrag Gottes ist klar. Kirche und Diakonie setzen dieses Gebot in ihrer Arbeit um, wenn sie sich (kirchen-)politisch für die Rechte von Flüchtlingen einsetzen und die Menschen vor Ort in Beratungsstellen begleiten. Aber auch jede und jeder von uns kann etwas dazu beitragen, dass Flüchtlinge in Deutschland ein neues Zuhause finden.

Die Perspektive der Arbeit mit Asylsuchenden hat sich dabei in den letzten Jahren verändert. Flüchtlinge werden nicht mehr als Objekte unserer Hilfe, sondern als selbständige Subjekte unserer Gesellschaft gesehen. Die Menschen, die zu uns kommen, bringen verschiedene Ressourcen, Erfahrungen und Qualifikationen mit. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, mitzuhelfen, dass Asylsuchende diese Potentiale hier in Deutschland einbringen können. Nachfolgend haben wir einige Anregungen zusammengestellt, was Kirchengemeinden tun können, um Flüchtlinge willkommen zu heißen, sie zu begleiten und zu beteiligen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.

1. Teilhabe ermöglichen

Flüchtlinge sind fremd in unserem Land. Ihre Lebensumstände in Gemeinschaftsunterkünften ohne Sprachkurs und ohne Arbeit machen es ihnen schwer, in unserer Gesellschaft anzukommen und sich zu integrieren. Kirchengemeinden können den Menschen Anschlussmöglichkeiten an das gesellschaftliche Leben bieten und ihnen vermitteln, dass sie hier in Deutschland und bei uns willkommen sind. Dies kann vor allem dadurch entstehen, dass man den ersten Schritt auf den anderen zugeht, sich kennen lernt und Ängste abbaut. Indem man die Flüchtlinge ansieht, ihre Namen und Biographien kennt, werden sie sichtbar und bleiben nicht länger hinter den Mauern der Gemeinschaftsunterkünfte anonym:

– Einladungen zu Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen (Übersetzungsfragen bedenken). Viele Flüchtlinge sind Christen (z.B. Kopten aus Ägypten, Katholiken aus Syrien) und wünschen sich vielleicht Gottesdienste in der eigenen Sprache. Dafür könnte z.B. ein Priester der jeweiligen christlichen Gemeinschaft eingeladen und die Kirche für einen Gottesdienst zur Verfügung gestellt werden.

  • Besuche von Gemeindegliedern oder -gruppen in der örtlichen Gemeinschaftsunterkunft mit Einladungen zu Gesprächsangeboten bei Kaffee und Kuchen.
  • Gemeindenachmittage, an denen Flüchtlinge und Gemeindemitglieder von ihren Migrationserfahrungen berichten (die hat nämlich fast jeder Mensch).
  • Deutschkurse anbieten – Flüchtlinge im Asylverfahren haben keinen Anspruch auf einen Deutsch- und Integrationskurs –, Hausaufgabenhilfen für Kinder und Jugendliche.
  • Begleitung bei Behördengängen und Hilfe beim Verstehen von Behördenbriefen, Hilfe beim Verstehen besonderer Zusammenhänge vor Ort.
  • Integration in die Kirchengemeinde und in die örtlichen Vereine (Kindergarten, Kirchenchor, Sportverein, Feuerwehr usw.), den Menschen Türen öffnen.
  • Teilhabe am kulturellen Leben fördern (z. B. durch kostenlose Karten für Veranstaltungen in der Region oder indem man Flüchtlinge ins Theater oder zu Stadtteil- oder Gemeindefesten mitnimmt).

2. Lebensumstände verbessern

Die Lebensumstände von Menschen im Asylverfahren sind nicht einfach. Meist leben sie in Gemeinschaftsunterkünf-ten mit mehreren fremden Menschen in einem Zimmer. Die Unterkünfte liegen oft abseits der dörflichen oder städtischen Infrastruktur. Momentan dürfen sie in den ersten neun Monaten gar nicht arbeiten und später nur dann, wenn sich kein sonstiger Bevorrechtigter für die Arbeit findet, die sie beginnen möchten. Kirchengemeinden können hier mit relativ einfachen Mitteln helfen:

  • Die Isolation durch Besuche in der Gemeinschaftsunterkunft durchbrechen.
  • Die Mobilität und Anbindung an die Infrastruktur verbessern (z. B. durch Monatskarten, Fahrdienste oder Bereitstellung von Fahrrädern, Einrichtung einer Fahrradwerkstatt).
  • Bei der Arbeitssuche helfen (z. B. durch gezielte Ansprache von bzw. Vermittlung zu potentiellen Arbeitgeber/innen im Bekanntenkreis oder der Umgebung sowie bei diakonischen bzw. kirchlichen Arbeitgebern).
  • In einem eigenen Garten können Flüchtlinge ihnen bekanntes Gemüse anbauen und Kontakte zu anderen Gartenbesitzern herstellen. In manchen Regionen gibt es bereits »Interkulturelle Gärten«.
  • Hilfe bei der Wohnungssuche (z. B. durch Vermittlung von Wohnraum im Bekanntenkreis, Unterstützung bei der Sichtung von Angeboten in der Tagesspresse, Begleitung bei Wohnungsbesichtigungen usw.). Manchmal ist auch eine Unterstützung bei der Wohnungseinrichtung sinnvoll.
  • Tauschring aufbauen (Gemeindemitglieder und Flüchtlinge bieten ihre Fähigkeiten und Ressourcen an und nehmen sie wechselseitig in Anspruch).
  • Als sinnvoll hat sich auch oft erwiesen, vor Ort einen Runden Tisch mit allen Betroffenen aus Kirchengemeinde, Kommune und Flüchtlingen zu bilden, bei dem alle anstehenden Probleme und Projekte koordiniert und besprochen werden.
  • Hilfreich ist auch eine ökumenische und interreligiöse Vernetzung mit anderen Kirchengemeinden (katholisch, freikirchlich …) und z.B. Moscheegemeinden vor Ort. So kann man gemeinsam wirken und baut keine Parallelstrukturen mit ähnlichen Angeboten auf.

3. Unterstützung bei drohender Abschiebung

Bei drohender Abschiebung eines Flüchtlings können sich Gemeindemitglieder auf unterschiedliche Weise engagieren:

3.1 Petitionen
Nach Artikel 17 des Grundgesetzes hat jeder das Recht, sich schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die Volksvertretung zu wenden. Gemeindemitglieder oder -gruppen können sich mit der Bitte um Aussetzung der Abschiebung des ihnen bekannten Flüchtlings an den Petitionsausschuss ihres Landtags wenden.

3.2 Härtefallkommission
Im Petitionsverfahren können nur Lösungen innerhalb der geltenden rechtlichen Möglichkeiten gefunden werden. Sollte der Petitionsantrag scheitern, besteht die Möglichkeit, sich an die Härtefallkommissionen der jeweiligen Bundesländer zu wenden mit der Bitte, den Fall des Migranten/der Migrantin in die Kommission einzubringen.

3.3 Kirchenasyl
Es kam und kommt vor, dass Kirchengemeinden Flüchtlinge vorübergehend in kirchlichen Räumen aufnehmen, um sie vor einer drohenden Abschiebung zu schützen. Die Frage, ob eine Gemeinde Kirchenasyl gewähren möchte, ist eine schwierige, mit vielen Überlegungen verbundene Gewissensentscheidung der Verantwortlichen im Kirchenvorstand. Dabei müssen die Umstände des Einzelfalls und die rechtlichen Konsequenzen für den Flüchtling ebenso wie für die Gemeinde genau geprüft werden.

4. Sich politisch einsetzen
Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Diakonie Deutschland setzen sich für die Abschaffung von Gesetzen ein, die Lebensumstände von Flüchtlingen in Deutschland stark einschränken. Sie fordern die Abschaffung der Residenzpflicht, die die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge auf die Landkreise, den Regierungsbezirk oder das Bundesland beschränkt, und die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes als Sondergesetz zur Alimentierung von Flüchtlingen.

Angesichts der Bootskatastrophen vor Lampedusa, bei denen im Oktober 2013 hunderte Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, ihr Leben verloren, fordern Kirche und Diakonie eine neue humanitäre Flüchtlingspolitik sowie legale und gefahrenfreie Zuwanderungsmöglichkeiten für Flüchtlinge.