Friedensgebet der Religionen: Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern.

 
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Schauen wir mal kurz eine der vielen Stellen im Koran an, die mit unserem diesjährigen Motto zu tun haben z. B. aus der Sure 30 die Römer (Vers 18-23):

Liebe Geschwister:

Schon die Benennung dieser Sure spricht für sich und erinnert an die Verschiedenheit der Menschen. Wahrlich sind die Römer und die Araber zwei unterschiedliche Völker, mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Religionen usw.

18 Und Ihm gehört (alles) Lob in den Himmeln und auf der Erde, und abends, und wenn ihr den Mittag erreicht!

Sind doch Himmel und Erde sowie Tag und Nacht nicht verschieden? Wie wäre unser Leben ohne diese Verschiedenheit? Wie langweilig bis unerträglich oder sogar unmöglich, wenn wir nur Mittagssonne oder auf Dauer finstere Nacht hätten?! Genau so wäre unser Leben langweilig bis unerträglich, wenn wir nur ständige absolute Gemeinsamkeiten und keine Verschiedenheiten hätten.

19 Er bringt das Lebendige aus dem Toten und bringt das Tote aus dem Lebendigen hervor und macht die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig. Und so werdet auch ihr hervorgebracht werden.

20 Es gehört zu Seinen Zeichen, dass Er euch aus Erde erschaffen hat, hierauf wart ihr auf einmal menschliche Wesen, die sich ausbreiten.

Sind die Lebendigen und die Toten doch nicht verschieden? Und haben doch die Gemeinsamkeit Mensch zu sein. Es ist ein Lebenskreislauf, der diese Verschiedenheit aufrechterhält, und wir feiern das, in dem wir uns z.B. über neues Leben, Mensch, Tier oder Pflanze immer und wieder freuen. Und das, obwohl wir genau wissen, dass dieses Leben irgendwann einmal zu Ende sein wird.

21 Und es gehört zu Seinen Zeichen, dass Er euch aus euch selbst Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.

Gott erinnert uns hier an den alltäglichen gelebten Fakten als eine Seiner Zeichen. Der Mensch hat von sich aus Gemeinsamkeit und Verschiedenheit. Wir erleben diese Unterschiede tagtäglich in Gemeinsamkeit und feiern sie. Sind doch Mann und Frau nicht wohl verschieden? Trotzdem finden beide gleichberechtigt im Leben Ruhe beieinander, Liebe und Zuneigung und falls diese mal versagen, dann gibt es auch dazu die Barmherzigkeit, damit die Feier lange anhält und der Mensch wieder seinen Weg findet. Interessant wäre hier der letzte Kommentar: Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken. Jawohl wir sollen nachdenken!
Und jetzt kommt im nächsten Vers unsere faktische Verschiedenheit wortwörtlich zum Ausdruck. Gerade unmittelbar nachdem uns Gott thematisch vorbereitet und eingestimmt hat, sodass wir diese Unterschiede begreifen, annehmen und feiern können.

22 Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und (auch) die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.

Die Verschiedenheiten unserer Sprachen und Farben sind so geschaffen wie das Universum. Es wäre eine utopische Welt, wenn diese Verschiedenheiten nicht existieren würden. Sie gehören dazu, ob wir das wollen oder nicht. Sprache und Farbe stehen hier nur als Beispiel für die allumfassenden Unterschiede der Menschen, wie Kultur, Sprache, Religion, Ethnie, Weltanschauung usw. Und Gott macht diese Erkenntnis zu einem seiner Zeichen. Was kommentiert hier Gott, nachdem er uns vorher ermahnt hat nachzudenken: Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.

Als Gottesglaubender kann ich die Zeichen Gottes eigentlich nur feiern und muss dabei nachdenklich und wissend in dieser weiterentwickelten und komplizierten Welt sein.

Spricht der Koran nur von Unterschieden oder doch auch von Gemeinsamkeiten?

»Sagt: Wir glauben an Allah und an das, was zu uns (als Offenbarung) herabgesandt worden ist, und an das, was zu Ibrāhām, Ismā῾īl, Ishāq, Ya῾qūb und den Stämmen herabgesandt wurde, und (an das,) was Mūsā (Moses) und ῾Isā (Jesus) gegeben wurde, und (an das,) was den Propheten von ihrem Herrn gegeben wurde. Wir machen keinen Unterschied bei jemandem von ihnen, und wir sind Ihm ergeben.« (Koran 2:136)

Dazu sagt der Prophet Mohammad (S): »Ich stehe dem Sohne Marias von allen Menschen, sowohl im Diesseits, als auch im Jenseits am nächsten. Alle Propheten sind Brüder, deren Mütter verschieden sind, deren Religion jedoch die gleiche ist.«

Ist das nicht einer der größten Gemeinsamkeiten zumindest in den Abrahamischen Religionen?

Aber Gemeinsamkeiten und Unterschiede können auch trotzdem zu Konflikten führen. Wie gehe ich mit den Anderen um? Eigentlich, wenn meine Haltung: Gemeinsamkeiten Finden, Unterschiede feiern ist, dann muss ich diese erhalten und schützen können. Hören wir schließlich, was der Koran für einen Tipp geben kann, um nicht nur friedlich nebeneinander zu leben, sondern Freundschaften zu suchen, zu gewinnen und auch diese zu erhalten:

(Koran 41:34)
Nicht gleich sind die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre mit einer Tat, die besser ist, (die schlechte) ab, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund.

Schließlich spricht der Koran uns noch deutlicher an:

»O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, da-mit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesehrfürchtigste von euch. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allkundig«. (Koran 49:13)

Hier spricht Gott nicht nur Muslime, sondern alle Menschen an. Er gibt denen den Auftrag, nachdem er die Vielfalt und Verschiedenheit faktisch aufgestellt hat, einander kennenzulernen. Er macht das zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Die Menschen sollen sich gegenseitig öffnen. Sie sollen Begegnung, Dialog- und Streitkultur in Respekt und Vertrauen entwickeln, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden, damit das angestrebte Kennenlernen erfolgen kann. Vielfalt ist Gemeinsamkeit und Verschiedenheit in einem. Vielfalt ist gegenseitige Bereicherung und Lebensqualität. Wir sollen als Menschen die Bereicherung anstreben. Deswegen hat Gott uns unter anderem gegenseitiges Kennenlernen vorgeschrieben. Für Muslime ist damit das Kennenlernen der Anderen Glaubenspraxis. Dafür werden sie von Gott geehrt. Kennenlernen verhindert Vorurteile und Rassismus und öffnet Türen für Miteinander und schließt Türen für Gegen-Einander.

Hier wäre der Kommentar am Ende des Verses sehr interessant. Jawohl Gott hat genaue Kunde über uns und warnt die Menschen diesen Auftrag nicht zu vernachlässigen. Ehrfurcht vor Gott zeigt sich gerade in der aufrichtigen Erfüllung dieses Auftrags.

Ich schließe hier mit dem täglichen Bittgebet des Propheten Mohammad (s.) ab: O Gott, ich bezeuge, dass Du der Herr der Welten bist. Ich bezeuge, dass alle Menschen Geschwister sind.

Der Allmächtige helfe uns, Gemeinsamkeiten zu finden und die Unterschiede zu feiern und diese für die Gesellschaft als gewinntragend zu betrachten.

Zu guter Letzt bin ich der festen Überzeugung, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten haben als zurzeit vermutet wird. Wir müssen sie finden: Die Unterschiede können wir dadurch besser überwinden. Dann wird das Gelebte überwiegend in gefundener Gemeinsamkeit sein und die Feier der Verschiedenheit eine erfolgreiche und freudige Feier werden.

Möge Gott der Erhabene uns dahin recht leiten und führen. Amen

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Ahmad Aweimer
Weitere Informationen:

Tag der offenen Moschee
Der Tag der offenen Moschee findet in ganz Deutschland jedes Jahr am 3. Oktober statt.

Das Thema im Jahr 2014: »Soziale Verantwortung«


Ahmad Aweimer ist Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Ahmad Aweimer
Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland
Tel.: 0221/ 139 44 50
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