Der europäische Traum

 
© Martina Waiblinger

Die Nachrichten, die heute mit der Europäischen Union verbunden werden, gleichen eher einem Albtraum als einem Traum: Menschen, die auf der Flucht nach Europa vor den Küsten des Mittelmeers hilflos ertrinken und Staaten, die ihre Überschuldung durch Sparprogramme bekämpfen, die Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit, die Chancenlosigkeit und in die Armut treiben. Was ist aus den Träumen geworden, die einmal die europäische Einigung geprägt haben?

Europäische Träume und Visionen

Am Anfang der Geschichte Europas stand eine Vision: Als der Göttervater Zeus die liebliche Europa, die Tochter Asiens, entdeckt und von ihrer Schönheit hingerissen ist, entführt er sie mit den Worten: »Sei unbesorgt, du Schöne, denn einer herrlichen Zukunft trage ich dich entgegen!«

Am Anfang der Geschichte des christlichen Glaubens in Europa stand ebenfalls ein Traum: Dem Apostel Paulus erschien auf seiner Missionsreise entlang der Westküste der heutigen Türkei mitten in der Nacht »ein Mann aus Mazedonien«. Dieser bittet ihn, »komm herüber und hilf uns«. Die Apostelgeschichte berichtet, wie Paulus mit seinen Begleitern umgehend nach Griechenland aufbricht, »gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen« (Apostelgeschichte 16,9-10). Sie nehmen das nächste Schiff und gelangen in die römische Kolonie Philippi, wo sie bei einer gottesfürchtigen Frau mit Namen Lydia, einer Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira Aufnahme finden. Lydia bildet dann mit ihrer Familie den Kern der ersten europäischen Gemeinde. Diese Geschichte ist aus verschiedenen Gründen spannend. Sie erinnert daran, dass die Wurzeln der christlichen Kultur in Kleinasien liegen, auf der anderen Seite des Mittelmeers. Die erste europäische Christin war demnach eine Frau aus der heutigen Türkei, im Übrigen keine rechtlose und verfolgte Frau, sondern eine wohlhabende Tuchhändlerin. Lydia hat nach der Apostelgeschichte auch die erste christliche Gemeinde in Europa geleitet. Eine reiche türkische Frau als Leiterin der Gemeinde – vielen unserer Kirchen fehlt heute die Vorstellungskraft für eine Situation, die vor 2000 Jahren eine selbstverständliche interkulturelle Realität in Europa war.

Am Anfang des europäischen Einigungsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg stand auch ein Traum. Am 9. Mai 1950 gab der französische Außenminister Robert Schuman eine Erklärung ab, die den Grundstein für die heutige Europäische Union legte. Auf der Grundlage eines Konzepts von Jean Monnet schlug er vor, die westeuropäische Stahl- und Kohleindustrie zusammenzuschließen, um gemeinsam in Europa Frieden, Freiheit und Wohlstand zu schaffen. Schuman erklärte: »Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.« Die Größe der Aufgabe, die hier angegangen wurde, war Schumann sehr bewusst. »Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.«

Was ist aus diesem Traum geworden?

Die Vision eines geeinten Europas, das gemeinsam für Frieden, Freiheit und Wohlstand einsteht, ist in den vergangenen Jahrzehnten in einem Maße verwirklicht worden, wie es sich Robert Schuman nicht hätte träumen lassen. Ein Krieg ist zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union undenkbar geworden. Die Union sichert, manchmal auch gegen schwierige nationale Bedingungen, Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Innerhalb der EU wurden die Grenzen für Bürgerinnen und Bürger, Güter und Dienstleistungen in hohem Maße abgebaut. In vielen EU-Staaten hat dies nach dem Krieg zu einem Wohlstand geführt, der 1950 unvorstellbar war.

Seit einigen Jahren jedoch stagniert die innere Entwicklung Europas. Vielleicht auch, weil Frieden und Freiheit in Europa inzwischen so selbstverständlich geworden sind, dass die Europäische Union inzwischen vor allem über ihre Krisen wahrgenommen wird. Die Wirtschafts- und Schuldenkrise, die Krise der demokratischen Mitwirkung, die Abschottung der Grenzen der Mitgliedstaaten nach außen bestimmen die Wahrnehmung der EU. Diese Krisen bedrohen den Traum eines gemeinsamen Europas, weil sie das Wohlergehen der Menschen bedrohen. Sie führen zu sozialen Ungerechtigkeiten, die die europäischen Gesellschaften spalten. Sie führen zur Aushöhlung der europäischen Institutionen und damit auch der europäischen Demokratie. Sie bewirken, dass die Menschen die europäische Einigung eher als Bedrohung denn als Verheißung wahrnehmen.

Wofür steht die Europäische Union?

Nach dem geltenden EU-Vertrag sind »die Werte, auf die sich die Union gründet … die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören« (Art. 2 EUV). Das Ziel der EU ist, »den Frieden, ihre Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern«. Dazu bietet die Union ihren Bürgerinnen und Bürgern »einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ohne Binnengrenzen«. Sie wirkt auf »eine in hohem Maße wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt, sowie ein hohes Maß an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualität hin. … Sie bekämpft soziale Ausgrenzung und Diskriminierungen und fördert soziale Gerechtigkeit und sozialen Schutz, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Solidarität zwischen den Generationen und den Schutz der Rechte des Kindes. Sie fördert den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten. Sie wahrt den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas« (Art. 3 EUV).

Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit, kultureller Reichtum und Vielfalt. Wollen wir diesen Traum wirklich aufgeben? Entscheidend für die Zukunft Europas ist, dass die Menschen wahrnehmen, wofür die EU wirklich steht und wo sie als Buhmann für das Versagen der nationalen Regierungen herhalten muss. Die Entscheidungen zur Finanz- und Schuldenkrise wurden eben nicht auf dem vorgesehenen demokratischen Weg durch die europäischen Institutionen getroffen, sondern durch die Regierungen der Mitgliedstaaten – gelegentlich Sonntagnacht kurz vor Öffnung der Börse in Tokio und in geschlossenen Sitzungen ohne jegliche demokratische Kontrolle.

Eine »gemeinsame Politik in den Bereichen Asyl, Einwanderung und Kontrollen an den Außengrenzen, die sich auf die Solidarität der Mitgliedstaaten gründet und gegenüber Drittstaatsangehörigen angemessen ist«, wie sie Art. 67 des EU-Vertrags fordert, gibt es bisher leider nicht. Dabei ist als Maßstab für diese Politik festgelegt: »Die Union bildet einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, in dem die Grundrechte und die verschiedenen Rechtsordnungen und -traditionen der Mitgliedstaaten geachtet werden.«

Welch ferner Traum für die Menschen, die in Europa Schutz vor Not und Vertreibung suchen und von den Mitgliedstaaten an den Außengrenzen abgewiesen werden!

Mein Traum von Europa

Wenn wir den Traum eines gemeinsamen Europas in Frieden, Freiheit und Wohlstand auch in Zukunft weiter verwirklichen wollen, müssen wir die demokratischen Institutionen in Europa stärken. Das ist insbesondere das Europaparlament. Europa wird nur dann eine Zukunft haben, wenn es stärker durch die Menschen mitgestaltet werden kann. Wir sollten diese grandiose Idee nicht zugrunde gehen lassen. Das sind wir insbesondere den Menschen schuldig, die von Frieden, Freiheit und Wohlstand in der EU bisher nur träumen können.

Auf einem Plakat des Europarats sieht man eine Schar bunter Vögel, die gemeinsam ihren Käfig über eine Klippe werfen. Darunter steht »Mehr Freiheit durch Gemeinsamkeit«. Das Bild stammt aus den Achtzigerjahren, als es noch ein großer Traum war, ganz Europa in Frieden und Freiheit zu vereinen. Ich finde, es ist immer noch ein schönes Bild für die Zukunft Europas: eine bunte, vielfältige Schar von Menschen, die gemeinsam ihre Zukunft gestalten. Damit das gelingt, brauchen wir mehr Europa statt weniger.

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Dr. Dieter Heidtmann
Weitere Informationen:

Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann ist Studienleiter für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Von 2004 bis 2010 arbeitete der ev. Theologe und Politikwissenschaftler als Vertreter der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Brüssel.

Kontakt:
Tel.: 07164 / 79-365
dieter.heidtmann@ev-akademie-boll.de

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Die Broschüre wurde im Februar 2014 veröffentlicht und kann bezogen werden über:

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