Agieren statt reagieren

 
Foto: Archiv SAB

»Warum kommen Flüchtlinge nach Deutschland?« Diese Frage wurde mir bei einer Veranstaltung in einer sächsischen Kommune gestellt, bei der es um die Errichtung einer neuen Gemeinschaftsunterkunft ging. Eingeladen hatte der Bürgermeister, moderiert wurde das Treffen von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Die Bürgerinnen und Bürger hatten viele Fragen an uns, die sie bewegten: Warum gerade bei uns? Warum so viele? Warum kommen Flüchtlinge überhaupt hierher? Warum sind sie bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um ihre Heimat zu verlassen?

Die Antwort hat viele Facetten. Not, Elend und Gefahren für Leib und Leben vertreiben viele Menschen aus ihrer Heimat. Aber auch die Hoffnung ist ein großer Magnet. Menschen wollen ein besseres Leben, für sich selbst, für ihre Kinder. Sie wollen in Freiheit und Sicherheit leben. Nie mehr Krieg! Nie mehr hungern müssen! Nie mehr Terror und Verfolgung! Bildung für alle Kinder, auch für die Töchter! Keine Zwangsverheiratung! Sagen können, was man denkt. Nicht mit dem Tod bedroht werden, nur weil man anders liebt, oder glaubt oder aussieht. Und zur vollständigen Antwort gehört auch der Aspekt, dass sie vielleicht »nur« ein besseres Leben suchen, die Chance zu kleinem Wohlstand. Auch sie wollen ihres eigenen Glückes Schmied sein, ihre Träume zur Erfüllung bringen. Jeder kann das nachvollziehen.

Statt dieser langen Antwort gab ich eine kurze. Und sie brachte den Saal zum Kochen: »Niemand kommt des Geldes wegen nach Deutschland.« Zu mehr kam ich nicht. Stattdessen wurde ich zum Blitzableiter der Gefühle im Saal.

Natürlich kommen Flüchtlinge wegen des Geldes nach Deutschland. Auch! Aber es ist nicht der absolute Betrag, der so attraktiv ist. Attraktiv ist unser Land selbst, seine Wirtschaftskraft, seine Sicherheit, seine freiheitliche demokratische Grundordnung. Und so unbequem es sein mag: Zur weltoffenen Gesellschaft gehört auch ein Klima der Offenheit solchen Fragen gegenüber. Nur dann werden wir den Zusammenhalt in unserer vielfältigen Gesellschaft wahren können. Was meine ich damit?

1. Wir brauchen Augenmaß im öffentlichen Umgang mit den steigenden Flüchtlingszahlen. Wir sollten sie weder wegdiskutieren noch dramatisieren, sondern die Aufgaben in einer transparenten Balance zwischen Ordnungsstaatlichkeit und menschenwürdiger Begleitung gestalten. Sagen wir deutlich, dass wir heute stärker gefordert sind, weil wir mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen und gehen wir damit konstruktiv um.

2. Die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen braucht verbindliche Standards. Deshalb haben wir in Sachsen den »Heim-TÜV« entwickelt, mit dem wir die sächsischen Gemeinschaftsunterkünfte regelmäßig überprüfen. Das hat in den vergangenen vier Jahren zu einer nachhaltigen Verbesserung der Unterbringungsbedingungen geführt. Neue Unterkünfte werden heute gleich nach diesen Standards eingerichtet. Hinschauen lohnt sich also!

3. Kommunizieren wir offen: Es gibt Vorbehalte und Ängste, wenn Menschen hören, dass in ihrer Nachbarschaft Flüchtlinge untergebracht werden. Hier ist Dialog gefragt. Bürger, demokratische Parteien, Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände, zivilgesellschaftliche Initiativen und die Verwaltung gehören an einen Tisch, um konstruktive Lösungen zu finden. Unsere Erfahrung ist: Überall dort, wo es diesen Dialog gab, wurde das Spielfeld für Populisten und Rechtsextreme kleiner.

4. Flüchtlinge sind unsere Mitmenschen, und als solche haben sie ein Recht auf soziale Inklusion, solange sie bei uns leben. Der wichtigste Schritt dazu bleibt der Zugang zur deutschen Sprache. Deshalb fordern wir »Deutsch für alle«. Dazu zählen aber auch Bildung für die Kinder, Angebote für Analphabeten und Möglichkeiten zur Beschäftigung – sei es über den Zugang zum Arbeitsmarkt oder über die Einbindung in Vereine oder gemeinnützige Tätigkeiten.

5. Wir erwarten (meist unausgesprochen) von Flüchtlingen, dass auch sie sich nach den Werten und Regeln unserer Demokratie und unserer offenen Gesellschaft verhalten. Aber Flüchtlinge kommen aus anderen Kulturen zu uns und müssen sich plötzlich in einer ihnen meist unbekannten Kultur zurechtfinden. Vieles macht man dann aus reiner Unkenntnis falsch, besonders wenn man die Sprache nicht beherrscht. Deshalb sollten wir deutlich und kultursensibel kommunizieren, wie wir zusammenleben wollen und selber kompetenter im Umgang mit interkulturellen Konflikten werden.

Das sind nur einige Bereiche, in denen wir bewusst auf Gestaltung des Themas »Asyl« setzen. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Im Zweifel verleitet sie uns dazu, immer zu spät zu reagieren. Investieren wir unsere Energien lieber in neue Ideen für Einigkeit in Vielfalt unserer Gesellschaft. Diversität ist unsere Stärke. Sind Sie mit dabei?

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Prof. Dr. Martin Gillo
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Martin Gillo ist Ausländerbeauftragter des Landes Sachsen.

Kontakt:
Tel.: 0351 / 493 51 71
saechsab@slt.sachsen.de


Broschüre: Fakten und Argumente zur Debatte über Flüchtlinge in Deutschland und Europa.

Kurz und griffig wird hier auf die gängigen Vorurteile gegen Asylbewerber und Flüchtlinge eingegangen, die Broschüre passt in jede Hosentasche und eignet sich dadurch auch perfekt zum Verteilen auf Veranstaltungen.

Die Broschüre wurde im Februar 2014 veröffentlicht und kann bezogen werden über:

PRO ASYL e.V., Postfach 160624, 60069 Frankfurt/M.
proasyl@proasyl.de | www.proasyl.de