Rassismus gegenüber Flüchtlingen vor Ort begegnen: Berlin und seine Flüchtlinge

 
Prof. Dr. Ulrike Kostka, Diözesancaritasdirektorin im Gespräch mit Flüchtlingen in der Caritas- Flüchtlingsunterkunft »Vom Guten Hirten« in Berlin-Wedding.

Berlin ist eine weltoffene Stadt. Das Alltagsbild ist geprägt von Menschen unterschiedlichster Hautfarben, Religionen und Weltanschauungen. Die Toleranz eines preußischen Königs Friedrich des Großen (1712-1786) hat diese Stadt stark geprägt. Sein Motto »Jeder soll nach seiner Façon selig werden« fasst die Lebensart der Hauptstadt bis heute gut zusammen. Trotz dieser grundsätzlichen Toleranz hat Berlin auch mit Problemen wie Rechtsradikalismus und Antisemitismus zu kämpfen, wie Überfälle auf jüdische Rabbiner oder auch die NPD-Demonstrationen vor der Flüchtlingsunterkunft in Hellersdorf im letzten Jahr zeigen.

Berlin erlebt in den letzten Jahren einen Anstieg der Flüchtlingszahlen. Es besteht ein deutlicher Mangel an Flüchtlingsunterkünften. Allein in den letzten Monaten wurden 600 Flüchtlinge in Hostels untergebracht. Es werden permanent neue Flüchtlingsunterkünfte gesucht und eingerichtet. Ein besonderes Phänomen in Berlin ist der politische Protest von Flüchtlingen.

Vor 1,5 Jahren kamen im Rahmen eines bundesweiten Demonstrationsmarsches Flüchtlinge aus Bayern nach Berlin, um für die Abschaffung der Residenzpflicht und ein Arbeits- und Bleiberecht in der Bundeshauptstadt zu demonstrieren. Sie bauten am Oranienplatz in Friedrichshain-Kreuzberg ein Protestcamp auf und blieben dort. Ihnen schlossen sich immer mehr Flüchtlinge an, unter ihnen auch eine sehr große Gruppe von sogenannten Lampedusa-Flüchtlingen. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von vorwiegend westafrikanischen Flüchtlingen, die in Libyen als Gastarbeiter_innen gearbeitet haben. Im Zuge des Krieges gegen das Gaddafi-Regime wurden sie aus dem Land vertrieben und auf Boote nach Europa gezwungen.

Unter traumatischen Umständen kamen sie über Lampedusa nach Italien. Viele lebten zunächst in Flüchtlingslagern und erhielten auch einen humanitären Aufenthaltsstatus in Italien. Mit dem Erhalt ihrer Papiere wurden sie zumeist mittellos und erhielten keine staatlichen Leistungen mehr. Viele bekamen Geld für ein Ticket nach Nordeuropa ausgehändigt und wurden weitergeschickt. Schließlich landeten sie auf Umwegen am Oranienplatz in Berlin, der sich mittlerweile zu einem Protestsymbol gegen die europäische Flüchtlingspolitik und deutsche Asylpraxis entwickelt hat. Erstmalig traten Flüchtlinge in Deutschland mit eigener politischer Stimme auf und organisierten ihre eigenen Protestformen. Sie wurden und werden bis heute durch unterschiedliche Unterstützergruppen begleitet. Jedoch sind sie nicht instrumentalisiert, wie manchmal behauptet wird. Sie vertreten sich selbst selbstbewusst und gut organisiert. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg erhielten sie starke Unterstützung durch Bürger_innen, Gruppen und verschiedenste Initiativen – einschließlich der Bezirksbürgermeister.

Die Flüchtlinge sorgten selbst dafür, dass sie durch Gesprächsbereitschaft, große Offenheit und Präsenz ansprechbar waren für die Anliegen und Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Diese Transparenz hat sicherlich dazu geführt, dass sich Rassismus und rechtsradikale Aktionen in Grenzen hielten.

Ein entscheidender Faktor für die Reaktionen der Bevölkerung auf Flüchtlinge ist Information und Transparenz. So zeigen mehrere Beispiele von kurzfristig eingerichteten Flüchtlingsunterkünften in Berlin, dass viele Bürgerinnen und Bürger bereit sind, Flüchtlinge willkommen zu heißen und sich ehrenamtlich für sie zu engagieren. Problematisch sind Hauruckaktionen bei der Einrichtung von Unterkünften, wenn die Nachbarschaft und der Bezirk nicht informiert sind.

Ein positives Beispiel für die Toleranz ist die Einrichtung der Notunterkunft für 80 Lampedusa-Flüchtlinge vom Oranienplatz in einem leerstehenden Pflegeheim des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin im Wedding auf dem Gelände der Verbandszentrale. Aufgrund der beginnenden Kälte und anderer Faktoren musste die Notunterkunft im November 2013 sehr kurzfristig eingerichtet werden. Nach Freigabe durch die Bauaufsicht hat die Caritas sofort die Nachbarschaft, Polizei und Kirchengemeinde informiert. Bereits nach kurzer Zeit boten Nachbarinnen und Nachbarn ihre Hilfe an. Auch die Polizei ist sehr unterstützend und bis heute kam es zu keiner rassistischen Aktion. Wichtig dafür war sicherlich auch von Anfang eine Transparenz durch intensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und die Einrichtung eines Runden Tisches zu den humanitären Fragen der Flüchtlinge durch die Caritas und Diakonie. Bürgerinnen und Bürger hatten die Möglichkeit, sich durch die Berichterstattung zu informieren, auch die Flüchtlinge stehen zum Gespräch bereit. Gleichzeitig wird die Privatsphäre der Bewohner der Notunterkunft durch einen geregelten Besucherzugang geschützt.

Grundsätzlich haben die letzten Monate gezeigt, dass sich die kirchlichen Netzwerke sehr bewähren, wenn es um die Betreuung von Flüchtlingsgruppen geht. Dadurch konnten für verschiedene sehr belastete Flüchtlingsgruppen wie z.B. die Flüchtlinge vom Brandenburger Tor, Unterstützungssysteme wie medizinische Versorgung, Verfahrensberatung und Unterkunft organisiert werden, die aus humanitären Gründen dringend erforderlich waren. Positiv dabei ist auch, dass obwohl es für diese Gruppen keine unmittelbare staatliche Zuständigkeit des Berliner Senats gab, kreativ staatliche Hilfen geschaffen wurden wie z.B. die Finanzierung von Notunterkünften im Winter. Gleichzeitig zeigten sich aber auch große Schwierigkeiten, politische Lösungen und Perspektiven für die Flüchtlinge durch den Senat zu finden. Hier übernehmen die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände eine wichtige Rolle, Gesprächsräume zu schaffen und auf humanitäre Lösungen hinzuwirken.

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autorin:
Prof. Dr. Ulrike Kostka
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ulrike Kostka ist Diözesancaritasdirektorin des Erzbistums Berlin.

Kontakt:
Tel.: 030 / 666 33 10 10
u.kostka@caritas-berlin.de
 


Flüchtlinge willkommen! - youngcaritas macht Aktionsvorschläge für junge Menschen:

Jugendliche laden Jugendliche aus Flüchtlingsunterkünften zum gemeinsamen Fußballturnier ein. Schulklassen beschäftigen sich mit Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen und diskutieren diese in ihrer Klasse. Schüler(innen) gehen auf die Straße, um auf die Alterseinschätzung bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aufmerksam zu machen.

Diese und weitere Aktionsideen bietet das youngcaritas-Aktionsheft »Flüchtlinge willkommen!« Zu den Themen Wohnen, Bleiberecht, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Kinderrechte, Flüchtlingspolitik in Europa und der Situation in Syrien gibt es zusammengefasste Informationen und Anregungen für Aktionen, die Jugendliche vor Ort gemeinsam mit Caritasmitarbeiter(inne)n starten können.

Auf der Homepage www.youngcaritas.de/fluechtlinge findet sich zudem ausgearbeitetes Unterrichtsmaterial für Lehrer(innen) zu den Themen aus dem Aktionsheft, zahlreiche Links, Materialien zum Download und Onlineangebote, wie ein Test »Wieviel Migrationshintergrund hast Du?«

Die Materialien richten sich an Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren. Das Aktionsheft kann kostenlos unter www.youngcaritas.de/fluechtlinge bestellt werden.

Kontakt: youngcaritas Deutschland, Patricia Blasel, Tel.: 0761 / 200 - 667, mail@youngcaritas.de
www.youngcaritas.de/engagiert/fluechtlingewillkommen