Das Integrationsparadox

 
© T. Lobenwein

Auf die Wortwahl kommt es an. Das gilt bei Debatten um Migration und Integration im öffentlichen Diskurs ganz besonders. Zwar gibt es einen Konsens darüber, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Dennoch ziehen viele Begriffe eine Grenze zwischen deutschen Ureinwohnern und Menschen aus Einwandererfamilien. Gängige Begriffe wie »Ausländer«, »Zuwanderer« oder »Fremdenfeindlichkeit« beschreiben ausschließlich die Perspektive der herkunftsdeutschen Mehrheitsbevölkerung und werden mitunter auch für Menschen verwendet, die nicht zugewandert oder fremd und manchmal auch deutsch sind. Das ist hinderlich für das gesellschaftliche Zusammenwachsen.

Derzeit lässt sich eine große Unsicherheit bei Formulierungen beobachten: Warum soll man nicht mehr »Ausländerfeindlichkeit« sagen dürfen? Ist »Migrant« oder »Ausländer« die richtige Bezeichnung für »Menschen mit Migrationshintergrund«, wenn man letzteren Begriff vermeiden will?

Was also sind mögliche Alternativen? Es gibt zu Recht keine Institution oder Organisation, die für sich in Anspruch nehmen kann, Begriffe festzulegen. Allerdings können und müssen endlich neue Ideen aufkommen, sonst verharren wir in Politik, Medien und Amtsdeutsch noch jahrelang in einer Sprache, die dem Alltag der Bundesrepublik nicht entspricht. Wer heute von »wir Deutschen und die Einwanderer« redet, sollte in dem »wir « auch die hier geborenen Kofis, Dunyas und Bijans meinen. Alles andere wäre sachlich falsch. Es ist also an der Zeit, darüber zu reden, wie wir reden. Und hier fällt auf: Wir benutzen nicht nur Begriffe aus dem 20. Jahrhundert, wir stecken auch noch in veralteten Annahmen fest. Eine sachliche Debatte, die sich an Fakten orientiert, findet sich beim Thema Einwanderungsland viel zu selten.

Auch die Bildersprache spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, wie ethnische Minderheiten in Medien dargestellt werden. Ein Bericht über türkische Migranten und ihre Nachkommen in Deutschland? In den meisten Fällen wird er mit Frauen bebildert, die auf dem Haupt ein Kopftuch und in den Händen Einkaufstüten tragen. Doch das Bild einer Frau mit Kopftuch ist für Türkinnen in Deutschland nicht repräsentativ: Nur 28 Prozent aller Musliminnen tragen hierzulande ein Kopftuch. Das Kopftuch-Bild bietet sich durchaus an, wenn es um das Kopftuch geht. Nicht jedoch, wenn es um Altersarmut von Migranten geht.

Seit Dezember 2012 ist der »Mediendienst Integration« online und versucht, die Debatten rund um Migration, Integration und Asyl zu versachlichen. Projektträger ist der »Rat für Migration«, ein engagiertes Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit den Themen befassen. Und hier fällt auf: Ein Phänomen beschäftigt Wissenschaftler derzeit, das sie als »Integrations-Paradox« bezeichnen: Obwohl die Integration von Eingewanderten und ihren Nachkommen messbar voranschreitet, gibt es in der Bevölkerung ein Gefühl von Stagnation oder gar Rückgang. Zwar widersprechen die Fakten den Annahmen, dennoch setzen sich die vermeintlichen Wahrheiten in weiten Teilen der Bevölkerung hartnäckig durch.

Aber woher kommt dieses Gefühl? Und welchen Anteil haben die Medien daran? Fest steht: Auch Journalisten ziehen ihr Wissen überwiegend aus den Medien. Entsprechend sind ihre Bilder geprägt von den üblichen De-batten. Ein Beispiel: Was wissen Sie über Roma? Aus Zeitung, Hörfunk und Fernsehen erfährt man: Roma sind arm, kaum gebildet, werden ausgebeutet. Hätten Journalisten mehr direkten Kontakt zu Romagruppen, wüssten sie, dass die deutschen Sinti und Roma als nationale Minderheit anerkannt sind. Und dass es keine »Roma und Sinti aus Rumänien und Bulgarien« gibt. Verwendet wird der Begriff »Sinti« in Deutschland, Österreich und bisweilen in Norditalien. In Osteuropa gibt es nur Roma.

Wir brauchen mehr Perspektiven in den Redaktionen, die die Vielfalt im Einwanderungsland Deutschland spiegeln. Derzeit findet sich diese in den Redaktionsräumen kaum wieder – auch wenn es längst viele gute Beispiele gibt, wie Khuê Pham (Zeit), Pinar Atalay (ARD) oder Özlem Gezer (Spiegel). Die wenigen Untersuchungen zum Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund unter Journalisten gehen von ein bis vier Prozent aus. Laut einer repräsentativen Untersuchung waren vor fünf Jahren Journalisten mit typisch deutschen Namen in 84 Prozent der Tageszeitungen noch ganz unter sich. Dabei stammen inzwischen 20 Prozent der Bevölkerung aus Einwandererfamilien.

Oft sind verzerrende Formulierungen oder schiefe Bebilderungen nicht der bösen Absicht geschuldet, sondern Zeitmangel oder wenig Auseinandersetzung mit dem Thema. Doch genau deswegen braucht es eine Debatte dazu. Und der Mediendienst versucht diese mit Faktenwissen zu versachlichen und voranzutreiben.

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Ferda Ataman
Weitere Informationen:

Ferda Ataman leitet die Redaktion des Mediendienstes Integration.

Kontakt:
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Tel.: 030 / 20 07 64 80