Ausstellung: Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien: Ein Ausstellungsprojekt des Vereins Courage gegen Fremdenhass e.V.

 

Von Orten gelebter Humanität erzählt der Berliner Verein Courage gegen Fremdenhass e.V. In seiner Ausstellungsreihe „Topographien der Menschlichkeit“ werden Beispiele widerständiger Gesellschaften/Gemeinwesen präsentiert in ihrer Fähigkeit und Kraft, sich dem Druck brutalisierender Tendenzen entgegen zu stellen.

In dieser Reihe von Wanderausstellungen (jeweils mit Katalog) will der Verein  „Best-Practice-Beispiele“ aus Geschichte und Gegenwart einer breiten Öffentlichkeit nahe bringen. Es gab immer und es gibt auch heute immer Handlungs-Alternativen: Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entwickeln dem Fremden und Verfolgten beizustehen, Wege zu finden das Richtige zu tun. Im Gegensatz zum resignierten Lehrsatz von dem Einzelnen, der ja doch nichts tun kann, ist gerade den konkreten Beispielen gelebter Humanität zu entnehmen, dass das Handeln Einzelner in solchen Prozessen entscheidend sind. In dieser Tatsache, in diesen konkreten Beispielen, gründet sich auch unser Verständnis von der Freiheit des Individuums. Das Vorhaben mag die deutsche Zivilgesellschaft inspirieren und ihr positive Impulse geben.

Das 3. Projekt der Reihe trägt den Titel „Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien“.

In dem kleinen Ort Riace in Kalabrien wird seit fünfzehn Jahren ein eigenes Kapitel europäischer Einwanderungsgeschichte geschrieben. An vielen anderen Orten in Italien werden Asylsuchende zumeist als unzumutbare Last wahrgenommen und in schlecht ausgestatteten Massenunterkünften untergebracht. Auch sind sie dort weiterhin Repressionen und schlimmster Ausbeutung ausgesetzt. Und dies geschieht ihnen nach traumatisierenden Überfahrten über das Mittelmeer, nach ihren Fluchten vor Hoffnungslosigkeit, Krieg und mörderischen Verfolgungen. Von ertrunkenen oder erfrorenen Flüchtlingen kann man fast täglich hören.

Als Ende der 90er Jahre ein Schiff mit fast 300 kurdischen Flüchtlingen in der Nähe strandete, beschloss Riaces Bürgermeister Domenico Lucano diese Menschen in seinem Dorf aufzunehmen. Mit großem Engagement gelang es ihm, Riace und die Flüchtlinge zusammen zu bringen: der Ort an den Berghängen war selbst seit Jahrzehnten Opfer von Landflucht und Armuts-Emigration und drohte, von der Landkarte zu verschwinden. Lucano setzte ein klares Zeichen für die Flüchtlinge, auch gegen die laufende Asylpolitik: Sie alle sollten nach Möglichkeit bleiben, die meisten von ihnen sind ja mutige junge Menschen, von denen viele eine ausgezeichnete Ausbildung haben. Er gründete die Initiative „Città Futura“, zu Deutsch „Ort der Zukunft“. Es leben heute nach wie vor Dutzende Flüchtlinge in Riace, sie sind in kleinen privaten Familienwohnungen oder Wohngemeinschaften untergebracht (Viele von ihnen sind minderjährig). Nach der Tortur der Flucht ist allein dies von großer Bedeutung. Es sind Kooperativen (Restaurant, Kunsthandwerk) gegründet worden, in denen Einheimische und Flüchtlinge miteinander arbeiten. Die eher spärlichen Finanzhilfen aus Brüssel werden klug eingesetzt, z.B. für Sprachkurse. Etliche Gemeinden rundum folgen heute diesem Beispiel. Die Flüchtlingsorganisation CIR stellt Hilfe für orientierende und juristische Beratung und vieles andere mehr zur Verfügung.

Die kalabrischen Einheimischen sind selbst vielfältiger Armut und Arbeitslosigkeit ausgesetzt, soziale Untiefen, durch die Krise noch weiter verschärft, treffen sie mit aller Härte. Zu Recht fühlen sie sich von Italien und Europa verlassen. Ihre moralische Festigkeit ist jedoch beeindruckend: sie fordern zwar Unterstützung auch für sich ein, sie verbinden dies jedoch nicht mit Hetzparolen gegen die noch Schwächeren. Sie begegnen den Fremden mit Gastfreundschaft und Empathie. Sehr oft hört man von Ihnen „Wir wissen selbst sehr gut, was Emigration ist“. Diese moralische Standhaftigkeit fußt offenbar auf ein lebendiges Bewusstsein der Leiden ihrer „eigenen Leute“. Dies beeindruckt am meisten: die Armen verweigern den Krieg gegen die noch ärmeren.

Natürlich kann Riace keine Wunder vollbringen, viele Flüchtlinge wollen/müssen weiterziehen zu Verwandten, Freunden in anderen Ländern Europas, die sich bereits in einem unbekannten Irgendwo aufhalten. Sie erhoffen, sich aus den Trümmern ihrer Biographien dort erneut so etwas wie Zugehörigkeit aufbauen zu können. Diese besonders verwundbaren Menschen erleben aber an diesen neuen Orten zumeist einen ganz anderen Empfang als jenen, den sie in Riace und einigen anderen kalabrischen Orten erleben durften.

Auch wenn die Träume einer dauerhaften Ansiedlung vieler neuer Einwohner an vielen Hindernissen zerbrechen, eine nachhaltige Belebung des Ortes Riace und seiner Umgebung lässt sich doch feststellen: so, wie man zur Saison immer wieder Touristen freudig aufnimmt, so nimmt man auch diese neuartigen Nomaden auf, bringt ihnen einen ebenso natürlichen Respekt entgegen wie allen anderen Besuchern auch. Man unterstützt sie, auch bei der Orientierung und beim Auffinden neuer Perspektiven, man versucht sie zu schützen vor mafiöser Ausbeutung. Auf diese Weise trägt man mutig und entschlossen zu dem größten und wertvollsten Reichtum Europas bei: gelebte Humanität.

Courage gegen Fremdenhass e.V. realisiert seit 25 Jahren demokratiepolitische Projekte. Mit der Ausstellung „Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien“ will der Verein zeigen, dass ein anderer Umgang mit der sogenannten Flüchtlingsproblematik möglich ist und für Alle Vorteile bringen kann. Dafür bittet der Verein um Ihre Unterstützung.


Die Ausstellungsreihe „Topographien der Menschlichkeit“ hat bereits ein Teilprojekte realisiert und ein weiteres wird im Juni diesen Jahres seine Premiere haben:

Die 1. Ausstellung, „Rettungswiderstand in Dieulefit“ erzählt die Geschichte des südfranzösischen Landkreises Dieulefit, deren Bewohner im 2. Weltkrieg vor allem Kinder von Widerstandskämpfern und Juden vor den Nationalsozialisten und dem Vichy-Regime versteckt haben (Siehe großes Dossier in Die ZEIT vom 12.2.2015). Niemand wurde verraten. Politisch sehr unterschiedliche Menschen haben auch in ihren vielfältigen Funktionen und Berufen eine sehr breite Koalition gebildet, eine Koalition aktiver Solidarität oder zumindest entschiedener Verschwiegenheit. Diese 1. Ausstellung wurde bereits an mehr als einem Dutzend Standorten gezeigt. In diesem Jahr wird sie unter anderem in Wunsiedel und Esslingen, in Regensburg und in Dortmund, in Magdeburg und in Heidelberg gastieren.

Die 2. Ausstellung „Unauflösbare Solidarität – Bulgarien“ wird im Juni 2015 ihre Premiere haben und danach ebenfalls auf Reisen gehen.

In Bulgarien lehnten sich weite Teile der Zivilbevölkerung auf gegen ihre eigene rechtsextreme Regierung und den Zumutungen die aus deren offiziellem Bündnis mit Hitlerdeutschland erfolgten. Bulgarien ist das einzige Land in dem die Deportationszüge in die Vernichtungslager nach Polen verhindert wurden. Dies war vor allem einer wachen Bevölkerung, einer entschlossenen Kirche und nicht korrumpierbaren Parlaments-Abgeordneten zu verdanken. Angesichts der in bulgarischer Verantwortung und Regie durchgeführten Deportationen aus Thrakien und Makedonien ist auch dies ein wahres Wunder.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Weitere Informationen:

Weitere Infos/Buchung der Ausstellung: Courage gegen Fremdenhass e.V. / Anna Tüne / tuenefi@web.de /
Weitere Hintergrund-Informationen zum Gesamtprojekt unter www.topographiendermenschlichkeit.de
 (u.a. für Buchung der Ausstellungen oder Teilnahme am Bildungsurlaub in Riace)