Einheit im Himmel, Vielfalt auf der Erde - Assoziationen zum Motto

 
Foto: Jens Schulze

I
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und Gott sprach: Es werde Licht! Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden, die Erde bringe hervor lebendiges Getier.

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Und Gott lehrte den Menschen seine Gebote, auf dass es ihm wohl ergehe. Die Regeln des Zusammenlebens unter den Menschen und die Gebote der einen, wahren Religion, auf dass alle Welt Gott in rechter Weise verehre und niemand in die Irre gehe.

II
So oder ähnlich könnte die Bibel anfangen. Gott schafft Himmel und Erde. Das eine Menschenpaar, von dem alle Menschen abstammen. Mit einer Sprache, einer Kultur, einer Religion.

So oder ähnlich könnte die Bibel anfangen. Bekanntlich tut sie es nicht.

Zwar enthalten die fünf Bücher Mose die Grundregeln des Zusammenlebens unter den Menschen und die Gebote der rechten Verehrung Gottes. Die zehn Gebote vor allem, dazu die Gebote der Fremden- und Nächstenliebe und was da sonst alles ist. Davon aber, dass diese Gebote für alle Welt gelten sollen und dass es nur eine Religion auf Erden geben soll, spricht die Bibel nicht.

Die Welt, die Gott erschaffen hat, ist, mit dem modernen Begriff aus der Landwirtschaft zu sprechen, keine Monokultur. Sie ist vielgestaltig, vielfältig, bunt, eine Mischkultur.

Noah zeugt Sem, Ham und Jafet. Sem, Ham und Jafet zeugen Gomer, Magog, Madai, Jawan, Tubal, Meschech, Tiras, Kusch, Mizrajim, Put, Kanaan, Elam, Assur, Arpachschad, Lud und Aram, um nur die Söhne erster Ordnung zu nennen. Aus ihnen gehen die Völker der Erde hervor, ein jedes, wie wiederholt betont wird, mit seiner eigenen Sprache und seinem eigenen Land (1. Mose 10).

Die Welt ist eine Mischkultur. Wir Menschen sind alle miteinander verwandt. Wir sind Geschwister, Töchter und Söhne Adams und Evas. Aber wir sind nicht alle gleich. Wir haben verschiedene Sprachen, Kulturen und, wie wir heute sagen würden, Religionen.

III 
Tritt man einmal ein paar Schritte zurück, ist die Geschichte, die die Bibel zu Beginn erzählt, eine höchst erstaunliche Geschichte. Folgende Aspekte finde ich besonders bemerkenswert.

Erstens. Das Volk Israel spielt in der Geschichte keine Rolle. Dutzende von Namen werden in der Völkertafel in 1. Mose 10 genannt. Wir lesen von den Jebusitern, den Amoritern, den Girgaschitern, den Hiwitern, den Arkitern, den Sinitern, den Arwaditern, den Zemaritern, den Hamatitern, den Kanaanitern und vielen anderen. Nur von den Israeliten ist nirgends die Rede. Das Volk, aus dessen Mitte heraus die Geschichte erzählt wird, es kommt nicht vor.

Zugespitzt formuliert: Das Volk Israel verzichtet darauf, sich als Zentrum der Welt zu inszenieren. Der Gott, zu dem es sich bekennt, ist ein Gott aller Menschen. Israel aber ist nur ein Volk unter vielen, und man muss lange suchen, bis man seinen Namen im weiteren Verlauf der Erzählung schließlich entdeckt, über die genealogische Brücke Arpachschad, Schelach, Eber, Peleg, Regu, Serug, Nahor, Terach, Abram, Isaak und schließlich Jakob, der auch Israel heißt (1. Mose 11–32).

Zweitens. Israel verzichtet darauf, sich als Zentrum der Welt zu inszenieren. Und zwar deshalb, weil auch der Gott, von dem es erzählt und zu dem es sich bekennt, darauf verzichtet hat. Zwar erschafft Gott am Anfang Himmel und Erde und alles, was da ist. Aber Gott verzichtet darauf, sich als Zentrum der Welt zu inszenieren, indem er alle Menschen dazu verpflichtet, ihn anzubeten und ihn allein.

Der Weg Gottes, wie ihn die Bibel erzählt, ist ein anderer. Er wählt eines der vielen, vielen Völker aus, um ihm seinen Willen mitzuteilen. Und zwar ausgerechnet das Volk, das »das kleinste unter allen Völkern« ist (5. Mose 7,7). Dieses kleine Volk, das die großen Mächte des Alten Orients kaum kennen und das sie nicht ernst nehmen, weil es keine politische und militärische Kraft hat, erklärt Gott zu seinem Volk und schenkt ihm die Gebote: »Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir« (2. Mose 20,2).

IV 
Der Gott Israels ist der Gott aller Menschen, aber was er von den Israeliten verlangt, das verlangt er nicht von allen Menschen. Das ist, in einem Satz, die verblüffende Pointe der ersten Kapitel der Bibel.

Warum ist das so? Der ehemalige britische Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks, der diesem Thema ein eigenes Buch gewidmet hat, hat darauf eine, wie er selbst sagt, radikale Antwort gegeben. Sie lautet: »Gott, der Erschaffer der Menschheit, hatte mit der gesamten Menschheit einen Bund geschlossen, sich dann aber einem Volk zugewandt und ihm befohlen, anders zu sein, um die Menschheit zu lehren, Raum für Verschiedenheit zu schaffen. Gott lässt sich zuweilen in anderen Menschen finden, und zwar solchen, die nicht so sind wie wir«.

Mich hat diese kühne Deutung nicht mehr losgelassen, seit ich sie vor einigen Jahren erstmals las. Gott lässt sich zuweilen in anderen Menschen finden, und zwar solchen, die nicht so sind wie wir. Sacks folgert daraus: »Die entscheidende Testfrage an jede Ordnung ist: Gibt sie Raum für das Anderssein? Anerkennt sie, dass Verschiedenheit kostbar ist?«

V 
Nun mag man fragen: Aber wird das nicht in wichtigen Texten des Neuen Testaments ganz anders gesehen? Ist es nicht die Aufgabe des Christen, »alle Völker zu Jüngern zu machen«, wie es nach der üblichen Übersetzung am Ende des Matthäusevangeliums heißt?

Und heißt das nicht, dass es also nur eine Religion geben darf und kann, nämlich die christliche?

Wäre dem so, wären die Worte des Evangeliums kaum mit dem oben Gesagten zu vereinbaren. Wir wären dann auf dem Weg in eine Welt, in der es, wenn sich Gottes Willen durchgesetzt hat, nur noch Christinnen und Christen gibt und keine religiöse Vielfalt mehr.

Allerdings ist die übliche Auslegung von Matthäus 28,19-20 kaum aufrechtzuerhalten. Das Wort, das hier im griechischen Original steht, heißt, wie ich an anderer Stelle zu zeigen versucht habe, nicht »zu Jüngern machen«, sondern »lehren«, wie Luther einst übersetzte, »als Schüler annehmen/behandeln« oder ähnlich. Die elf Jünger werden keineswegs dazu aufgefordert, die Völker zu christianisieren, bis alle Welt nur noch eine Religion hat. Sondern sie werden aufgefordert, die Lehre Jesu den Menschen aus den Völkern nicht länger vorzuenthalten (vgl. Matthäus 10,5-6). Von nun an dürfen sie nicht-jüdische Schüler (und Schülerinnen) annehmen und sie, sollte die Lehre bei ihnen auf fruchtbaren Boden fallen, taufen.

VI 
Doch zurück zum Ausgangspunkt. Gott lässt sich zuweilen in anderen Menschen finden, und zwar solchen, die nicht so sind wie wir.

Weil das so ist, gilt das Gebot der Nächstenliebe nicht nur für die eigene Familie und Sippe, sondern auch und sogar in stärkerem Maße für den Fremden: »Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,33–34).

Weil das so ist, pflegt Jesus den Umgang auch mit denen, die andernorts verachtet werden, wie etwa der evangelische Predigttext für den Sonntag der Eröffnung der Interkulturellen Woche zeigt (Matthäus 15,21–28, die Begegnung mit der kanaanäischen Frau, einer Ausländerin).

Weil das so ist, lehrt Jesus seine Schüler: »Liebt eure Feinde, und bittet für die, die euch verfolgen« (Matthäus 5,44).

Und vielleicht liegen ja sogar diejenigen richtig, die den Grundtext der Nächstenliebe, 3. Mose 19,18, heute nicht mehr so übersetzen, wie wir es gewohnt sind, sondern so: »Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du« (hebräisch ist das ein Wort: kamocha).

Mein Nächster ist wie ich, ein Mensch wie ich. Banaler als das kann ein Satz kaum sein. Und doch zeigt ein Blick in die Geschichte oder auch nur in die Tageszeitung, wie anstößig dieser Satz noch immer ist. Zu allen Zeiten waren »die Anderen« stets weniger wert, Menschen zweiter Klasse, halbe Tiere, für die andere Regeln zu gelten hatten als für »uns«.

In Deutschland ist dies, Gott sei Dank, anders, wenn auch erst seit kurzem. Erst das Grundgesetz hat am 23. Mai 1949 die rechtliche Grundlage dafür geschaffen, dass wir im letzten Jahr einen Tag der Deutschen Einheit unter dem Motto »Vereint in Vielfalt« feiern konnten. Hierzulande gilt und soll  gelten: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden« (Artikel 3 Grundgesetz).

Das Motto der Interkulturellen Woche in diesem Jahr ermutigt uns, diese Grundlagen des Zusammenlebens stärker im allgemeinen Bewusstsein zu verankern. Deutschland ist vielfältig wie nie zuvor. Diese Vielfalt ist nicht in erster Linie ein Problem, wie es oft den Anschein hat (und wie es manchmal auch der Fall ist). Sondern diese Vielfalt ist vor allem anderen eine Stärke, die es zu entdecken gilt.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Wolfgang Reinbold ist Beauftragter für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Kontakt: reinbold@kirchliche-dienste.de
www.kirchliche-dienste.de/arbeitsfelder/islam