Fünf Klingelschilder, fünf Wohnungen - Assoziationen zum Plakat

 
Plakatmotiv zur IKW 2015 © www.interkulturellewoche.de

Fünf Klingelschilder, fünf Wohnungen. Auf diesen Klingelschildern sind nicht Namen, sondern Gesichter von Menschen zu sehen: lebendig, sympathisch. Sie lassen unterschiedliche Lebenssituationen und -geschichten ahnen. Um etwas von ihnen zu erfahren, muss ich klingeln – und hoffen, dass sie mich einlassen.
Ich muss bei ihnen eintreten wollen; sie müssen bereit sein, mir zu öffnen. Ohne dass wir uns aufeinander einlassen, werden wir nicht zueinander finden und nichts voneinander erfahren.

Wen werde ich kennenlernen? Vielleicht begegne ich zwei jungen Männern in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft, die glücklich miteinander sind, obwohl sie keinen leichten Weg hinter sich haben. Vielleicht ist der junge Mann in der Wohnung darüber ein Ingenieur oder eine akademische Nachwuchskraft aus dem Maghreb oder vielleicht auch ein Flüchtling, der dem syrischen Bürgerkrieg entronnen ist. Studieren die jungen JapanerInnen an der hiesigen Uni oder haben sie einen Arbeitsplatz in einem ortsansässigen IT-Unternehmen? Und die junge Familie darüber – in »normalen bürgerlichen« Verhältnissen, froh, eine bezahlbare Wohnung gefunden zu haben? Froh auch, in einer Hausgemeinschaft zu leben, in der man sich gegenseitig so leben lässt, wie man es für richtig hält? Und die ältere Dame ganz oben: ist sie einsam, hat
sie Angehörige? Schreibt sie vielleicht gerade an ihre Tochter, den Sohn oder die Enkelkinder? Lebt sie zurückgezogen oder freut sie sich über die sympathischen jungen Leute im Haus und darüber, dass es hier lebendig zugeht?

Dieses Bild – Symbol für ein Faktum: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem dynamischen Veränderungsprozess und ist geprägt von einer kaum überschaubaren Vielfalt. Der Begriff »interkulturell« ist vielschichtig: Menschen unterschiedlicher geographischer, ethnischer, kultureller, religiöser Herkunft und Prägung leben beieinander. Sie repräsentieren aber auch eine sich ausdifferenzierende Pluralität von Lebensstilen und -entwürfen, politischen, weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen, von Werthaltungen und sozialer Zugehörigkeit. Selbst in einer einzigen Person konkurrieren zuweilen unterschiedliche Identitäten. Und dies alles gilt für Menschen mit und ohne »Migrationshintergrund«.

Alle leben unter einem gemeinsamen Dach, in einem gemeinsamen Haus. Ein Haus ist mehr als eine Unterkunft – es ist ein Ort, der Heimat bietet, der schützt, der Gemeinschaft und Geborgenheit schenkt. Dieses Haus der Vielfalt symbolisiert eine Gesellschaft, in der Menschen mit einer großen Bandbreite von Hoffnungen und Erwartungen miteinander leben und das Gemeinwesen konstituieren. Dabei ist der Wechsel der Blickrichtung von Bedeutung: Es geht nicht darum, Menschen unterschiedlicher Herkunft in diese Gesellschaft zu integrieren; es geht vielmehr um das Selbstverständnis eines Gemeinwesens, das im Grundsatz integrativ und integrierend ist, das die Vielfalt als Prinzip seiner Identifizierung versteht.

Ich sage bewusst: Identifizierung. kein Zustand, sondern ein Prozess, der stets auf Beheimatung als Ziel ausgerichtet ist. Ob dies jemals erreichbar ist, erscheint fraglich. Wahrscheinlich gilt auch hier das berühmte Wort des Philosophen Ernst Bloch, Heimat sei etwas, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch keiner war«. Es ist, ebenfalls mit Ernst Bloch, eine Utopie – im doppelten Sinn des Wortes: etwas noch nie Dagewesenes und zugleich eine Hoffnung mit großer Anziehungskraft. Träumt die Menschheit nicht immer schon den Traum einer idealen Gesellschaft? Aber ist die Welt ohne solche Träume nicht trostlos?

Es ist ein mühsamer Weg. Wir erleben derzeit viel Offenheit in unserer Gesellschaft, aber auch Widerstand und Ablehnung. Es gibt viele Gründe: Angst vor Veränderungen und vor dem Fremden, gefühlte Benachteiligung und Marginalisierung und der Verlust eigener Identitätsgewissheit. Notwendig sind Dialog und gegenseitige Offenheit, auch bei kontroversen Diskussionen. Nicht alles freilich kann Anspruch auf Verständnis erheben: Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gehören nicht dazu; auch nicht die Meinung, über Menschenrechte und bürgerliche Freiheitsrechte von Minderheiten könne die Mehrheitsgesellschaft abstimmen. Illiberale Positionen können für sich keine Geltung fordern.

Was schafft Gemeinschaft, Identifizierung? Vielfalt konstituiert noch keine Gemeinschaft – sie ist zunächst nur Heterogenität. Vielleicht ist es einfach nur wichtig, sich auf ganz elementare Verhaltensweisen von Menschlichkeit zu besinnen, darauf, was in allen Hochkulturen als »Goldene Regel« bekannt ist: Behandle deinen Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Oder auch: Versuche, den Anderen so zu verstehen, wie er sich selbst versteht, damit er lernt, dich zu verstehen, wie du dich selbst verstehst. Solche Grund-Sätze bedeuten Respekt vor der Würde, die jedem Menschen zukommt. Die Menschenwürde hat in den Grundrechtsartikeln 1 bis 20 des Grundgesetzes Niederschlag gefunden. Sie ist identitätsstiftender Grund des Gemeinwesens.

Was stiftet Gemeinschaft? Ich verweise auf einen Text aus der Bibel. In ihren Anfängen hat die junge Kirche darum gerungen, wie sie zu einem integrativen Gemeinwesen werden kann, nämlich indem die Trennung zwischen Nahen und Fernen, Dazugehörigen und Fremden gegenstandslos wird. In diesem Zusammenhang steht der Satz: »ihr seid Hausgenossen Gottes« (Epheserbrief 2,19). Das ist ein starkes Bild. Was Menschen ausmacht, was der Grund ihres Mit-Seins, ihrer Gemeinschaft ist, das reicht in eine Tiefendimension hinein, die sich jeder Verfügung und letztlich auch jedem Begreifen entzieht.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Dr. Thomas Broch
Weitere Informationen:

Dr. Thomas Broch ist Bischöflicher Beauftragter für Flüchtlingsfragen der Diözese Rottenburg-Stuttgart