Das Kirchenasyl der syrischen Familie Khello

 

Die evangelische Kirchengemeinde Höhr-Grenzhausen nimmt Kameran und Sonia Khello, mit ihren Kindern Rezan (22 Jahre), Ferhad ( 19 Jahre) und Berivan (16 Jahre), die aus Syrien über Bulgarien nach Deutschland fliehen mussten, ins Kirchenasyl.

Die Fluchtgeschichte

Die kurdische Familie lebt in einem Vorort von Aleppo, als 2011 der Bürgerkrieg beginnt. Sie gehört der jezidischen Religionsgemeinschaft an. Der Vater Kameran arbeitet als Elektroingenieur, die Mutter Sonia als Lehrerin. Die Kinder studieren oder gehen noch zur Schule. Als syrische Regierungstruppen im Sommer 2012 den von der »Freien Syrischen Armee« gehaltenen Vorort unter Beschuss nehmen, zerstört eine Bombe das Haus der Familie, eine andere trifft die Schule, in der Sonia gerade unterrichtet. Mehrere Kinder kommen ums Leben. Die Familie flieht ins syrische Kastal Jendo, das bald darauf von islamistischen Gruppierungen angegriffen wird. Immer wieder geraten Familienmitglieder in Lebensgefahr und werden Zeuge von Gewalt- und Gräueltaten.

Ende August 2013 flieht die Familie aus Syrien. Sie durchquert zu Fuß, per PKW und Reisebus die Türkei. Hinter der türkisch-bulgarischen Grenze wird sie von bulgarischen Grenzern aufgegriffen und für vier Tage inhaftiert. Zusammen mit ca. 50 weiteren Personen sind sie in einem etwa 20 m² großen überdachten Raum eingepfercht. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, in der ganzen Zeit gibt es nur ein einziges Mal ein warmes Mittagessen. Es gibt weder Dolmetscher, noch erklärt das »Sicherheitspersonal« der Familie, warum sie festgehalten wird und was mit ihr geschehen soll. Wachkräfte ziehen einen großen Teil des Bargeldes ein, ehe die Familie in ein »Flüchtlingslager« transferiert wird. Auch hier sind die Verhältnisse menschenunwürdig. Als die von den Kriegs- und Fluchtfolgen schwer traumatisierte Mutter einen Schwächeanfall erleidet, wird ihr die dringend erforderliche medizinische Versorgung verweigert. Mehrfach werden der Familie Papiere vorgelegt, die sie nicht versteht. Man nötigt sie erfolgreich zur Unterschrift.

Weil die Zustände unerträglich sind, verlässt die Familie nach vier Wochen das Flüchtlingslager. Sie will weiter nach Deutschland, wo Verwandte leben. In Bulgarien gibt es für sie keine Zukunft. Die Familie hat keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung oder medizinische Versorgung und keine Perspektive auf einen Arbeitsplatz. Ihr droht die Obdachlosigkeit. Mit dem wenigen verbliebenen Bargeld schlägt sie sich einige Wochen lang in Bulgarien durch, um die Weiterflucht vorzubereiten. Im Februar 2014 endlich gelingt der Grenzübertritt nach Deutschland.

Der Weg zum Kirchenasyl

Die Familie wird nach der Asylantragstellung von den Behörden in Höhr-Grenzhausen untergebracht. Von Beginn an bemüht sie sich intensiv darum, am Leben in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt teilzuhaben. Im Mai 2014 werden die Asylanträge abgelehnt.

Ohne es zu wissen hat die Familie in Bulgarien »subsidiären Schutz« erhalten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ordnet ihre Abschiebung nach Bulgarien an, die zuständige Ausländerbehörde fordert die Familie zur Ausreise bis zum 10. Juli 2014 auf.

Die Mutter eines jungen Mannes, mit dem der jüngste Sohn der Familie Khello in seiner Freizeit Fußball spielt, erfährt von der dramatischen Situation. Sie informiert das Diakonische Werk im Westerwald. Sein Leiter wendet sich an den Kirchenvorstand und den Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Höhr-Grenzhausen. Anfang Juli beschließt der Kirchenvorstand nach einer gemeinsamen Beratung mit dem katholischen Pfarrgemeinderat, der Familie zunächst für maximal ein halbes Jahr Kirchenasyl zu gewähren. Im Evangelischen Gemeindehaus gibt es zwei Räume, die zur Unterbringung der Familie geeignet sind. Um die Jugendarbeit, die normalerweise in den Räumen stattfindet, nicht zu gefährden, stellt die katholische Gemeinde hierfür in der Zeit des Kirchenasyls Ausweichräume zur Verfügung.
 


Interview mit Pfarrer Matthias Neuesüss

Frage: Was waren die größten Herausforderungen bei der Entscheidung für das Kirchenasyl?

Pfarrer Matthias Neuesüß: Organisatorisch war wichtig, dass wir von Anfang an von der Diakonie Hessen beraten und begleitet wurden. Das hat uns geholfen, die richtigen Schritte zur richtigen Zeit zu tun: Kontakt zu den Behörden suchen, anwaltliche Vertretung für die Familie und psychologische Begutachtung für die Mutter organisieren und so weiter und so fort.

Inhaltlich mussten wir uns mit den kritischen Stimmen vor Ort in der Gemeinde auseinandersetzen, die es natürlich auch gab. Manche fragten zum Beispiel, was uns einfällt, klüger und anders handeln zu wollen als der Staat. Wir haben das Gespräch mit diesen Menschen angenommen und versucht zu überzeugen. Denn wir wollen mit dem Kirchenasyl geltendes Recht weder aushebeln noch brechen. Wir verstecken niemanden, wir suchen nach legalen Wegen, um dem Schicksal der Familie gerecht zu werden. Wir wollen Zeit gewinnen, damit die zuständigen Behörden ihren Fall noch einmal in aller Ruhe anschauen und bewerten können.

Trägt das Kirchenasyl dazu bei, sich mehr mit der Lebenssituation von Flüchtlingen allgemein zu befassen?

Wir sehen das Kirchenasyl nicht als Aktion zur politischen Bewusstseinsbildung. Es geht uns vielmehr ganz konkret darum, genau dieser Familie zu helfen. Das war der Impuls, der von ganz vielen Menschen gekommen und aufgegriffen worden ist. Für mich und sicher auch für andere ist das Kirchenasyl aber natürlich eine nachwirkende Erfahrung. Eine – vielleicht überraschende – war, dass wir in der zuständigen Ausländerbehörde des Westerwaldkreises keinen Gegner, sondern einen Ansprechpartner gefunden haben, der sich im Rahmen seiner rechtlichen Möglichkeiten wohlwollend zeigt.

Gab es in der Zeit des Kirchasyls irgendwann eine Krise?

Keine Krise, aber Belastungen. Ich denke manchmal darüber nach, wie viel Mut, aber auch wie viel Hoffnung wir dieser Familie machen. Aber auf der anderen Seite steht natürlich die Angst, dass es schiefgehen könnte und sie nach Bulgarien ausreisen muss. Dass wir uns das nicht mehr vorstellen können und wollen, schafft eben leider keine Gewissheit.


Die Zeit des Kirchenasyls

Am 8. Juli 2014 zieht die Familie in das Gemeindehaus ein. Immer wieder bekommt sie Besuch von Verwandten, Schulfreunden oder Mannschaftskameraden der Kinder und von Unterstützern aus der Gemeinde. Als Mitte Juli die Sommerferien beginnen, organisieren Lehrkräfte der örtlichen Realschule ehrenamtlich eine Art »Schule im Kirchenasyl«. In dieser Zeit lernen die Kinder fast perfektes Deutsch.

Im August 2014 richten Mitglieder der Kirchengemeinde für Familie Khello eine Petition an den rheinlandpfälzischen Landtag. Bis zur Entscheidung über den Antrag erhält die Familie eine Duldung. Trotzdem bleibt sie bis auf weiteres im Kirchenasyl, denn im Falle einer Ablehnung der Petition droht die sofortige Abschiebung nach Bulgarien. Durch Beschluss des Kirchenvorstandes wird das Kirchenasyl Anfang Januar 2015 um ein halbes Jahr verlängert. Aufgrund der Duldung kann sich die Familie jetzt aber wieder frei in der Stadt und im Umkreis bewegen.

Die beiden jüngeren Geschwister Ferhad und Berivan gehen inzwischen zum Gymnasium bzw. zur Realschule in Höhr-Grenzhausen. Sie haben Freunde gefunden und sind gut integriert. Der Vater der Familie besucht regelmäßig Deutschkurse, der ältere Sohn Rezan (22) kümmert sich intensiv um seine Mutter, die weiterhin sehr unter den Erlebnissen in Syrien und auf der Flucht leidet. Auch Rezan will seinen Weg in Deutschland gehen. Er besucht aktuell einen Deutschkurs auf B2-Niveau und hat kürzlich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst und bei Brot für die Welt Anträge auf ein Studienstipendium gestellt. Er hofft, dass einer der Anträge zum Erfolg führt.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Torsten Jäger
Weitere Informationen:

Dieser Text ist Teil einer Dokumentation über Kirchenasyle im Raum der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die im Sommer 2015 erscheinen wird.

Weitere Infos: Diakonie Hessen, Clearingstelle Kirchenasyl
kirchenasyl@diakonie-hessen.de