Die Unsichtbaren werden sichtbar - Hamburg fördert die Kinder papierloser Migranten

 
© flickr/Quika Brockovich

Im Sommer 2013 kam Dragana in das Hamburger Flüchtlingszentrum, weil sie Rat suchte. Sie war drei Jahre zuvor mit ihrer jetzt vierjährigen Tochter Sanja aus Serbien nach Hamburg gekommen, um ihre Schwester zu besuchen. Wie viele andere blieb sie länger als erlaubt und suchte nach Wegen, ihren Aufenthalt zu legalisieren. Das war nicht möglich, denn Asylgründe lagen nicht vor. Sie konnte »nur« ihre allgemeine wirtschaftliche Notlage als Begründung nennen: keine Arbeit und keine Chance, eine zu bekommen, nur eine winzige staatliche Sozialhilfe.

Sanja war bei dem Gespräch dabei. Es stellte sich heraus, dass sie keinen Kontakt zu anderen Kindern hatte und kein Wort Deutsch sprach. Das Flüchtlingszentrum machte Dragana ein für sie überraschendes Angebot: Auch wenn es keinen legalen Aufenthalt geben würde, könnte wenigstens Tochter Sanja eine Kita besuchen, damit sie Kontakt zu Gleichaltrigen bekäme und Deutsch lernen könnte. Ohne Deutschkenntnisse würde sie später große Schwierigkeiten in der Schule haben. Und die Mutter hätte mehr Zeit, um selbst einen Deutschkurs zu besuchen oder ein wenig Geld zu verdienen.

Sanja ist kein Einzelfall. In Hamburg gibt es mehrere Tausend Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Da sie nicht gemeldet waren, waren diese sogenannten Illegalisierten für die Behörden lange unsichtbar. Man wusste zwar von ihrer Existenz, fühlte sich aber nicht zuständig. Wurden sie zufällig aufgegriffen, drohte ihnen die Abschiebung. Inzwischen reagieren die staatlichen Stellen: Sie richteten 2012 einen Finanzfonds zur medizinischen Versorgung von Ausländern ohne Papiere und Krankenversicherung ein. Anfang 2013 stellte die Stadt darüber hinaus 200 000 Euro zur Verfügung, damit ihre Kinder eine Kita besuchen können. Mit der Umsetzung betraut wurde das von AWO, Caritas und DRK in einer gGmbH getragene Flüchtlingszentrum. Es hatte bereits Erfahrungen mit Papierlosen, die es über eine mögliche Legalisierung ihres Aufenthalts beriet oder denen es eine medizinische Versorgung vermittelte. Innerhalb der diversen hamburgischen Communitys galt es als sichere Anlaufstelle. Mit dem zur Verfügung gestellten Geld sollte der Kitabesuch von etwa 30 Kindern im Alter von einem Jahr bis zur Einschulung ermöglicht werden. Seit Bestehen des Projekts im Februar 2013 wurden vom Flüchtlingszentrum knapp 40 Kinder in Kitas vermittelt. Es gab keine große Werbung dafür, da man anfänglich dachte, dass die Zahl der Plätze nicht für alle ausreichen würde. Aber die Kitas und die Migrantencommunitys, in denen viele Papierlose aufgefangen werden, wurden informiert. Die Kinder stammen hauptsächlich aus Lateinamerika, Ghana und vom Westbalkan, was die Migrationssituation in Hamburg widerspiegelt. Die größte ghanaische Gemeinde auf dem europäischen Kontinent beispielsweise ist in Hamburg.

Die Eltern nehmen das Angebot an, aber von Interessenten überrannt wurde das Zentrum nicht. Bislang musste kein Kind abgewiesen werden, und es gibt wieder freie Plätze, da einige Kinder inzwischen zur Schule gehen. Dort haben sie mit den Deutschkenntnissen, die sie in der Kita erworben haben, einen leichten Start.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Valentin Günther
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