Gerechtigkeit schafft Frieden

 
"Interkulturell und interreligios: Das soziale Engagement als Fundament kirchlichen Lebens". Unter diesem Titel startete die Exkursion im Rahmen der Vorbereitungstagung 2015. © ÖVA zur Interkulturellen Woche/Bernd Lauter

Als die Kirche St. Theodor in Köln-Vingst 1992 durch ein Erdbeben schwer beschädigt worden war, musste über einen Neubau der Kirche und dessen Gestaltung entschieden werden. Nach Beratung und Entscheidung über Konzeption und Ausrichtung des neuen Gotteshauses setzte Paul Böhm diese Überlegungen architektonisch um. Das Außergewöhnliche dieser Kirche: Das »Basement« beherbergt ein Sozialzentrum mit Kleiderkammer, Essensausgabe, eine Küche und Werkstätten. In der Essensausgabe erhalten wöchentlich etwa 400 bis 700 Menschen Lebensmittel. Neben den materiellen Gütern des täglichen Bedarfs wird auch Beratung in den Räumlichkeiten angeboten – für viele eine ebenso wichtige Lebenshilfe. Neben Fertigkeiten in Holz- und Eisenverarbeitung kann auch ein Gabelstapler-Führerschein erworben werden. Die Zufahrt zum »Basement« ist so angelegt, dass ein LKW dort hineinfahren kann.

Die Basis dieser Kirche bildet der Ort der Praxis – des Lernens, der Begegnung und des Teilens. Der Raum der Liturgie und des Gebetes ist auf diesem Fundament errichtet. Spiritualität und soziales Engagement, Liturgie und Solidarität gehören untrennbar zusammen. Das ist gut jesuanisch: Die konkret erfahrbare Zuwendung zu den Menschen, besonders zu Armen und Bedrängten aller Art, eröffnet den Raum der Feier und der Verkündigung durch das Wort. Caritas und Diakonie sind nicht das Beiwerk und die Zugabe zur Liturgie, sondern deren Basis. Gemeinschaft, Communio und Kommunion sind nicht abstrakt, sondern leiblich und konkret erfahrbar. In einem Kirchenführer von Michael Paetzold heißt es: »Diakonie und Liturgie unter einem Dach: Die Kleiderkammer unter dem Altar, Taufstein und Reliquiar über der Lebensmittelausgabe. Beten und Handeln in einem Haus.«

Der Kontext

Die Kirche mit ihrem Konzept, den vielen ehrenamtlich Engagierten und dem Pfarrer Franz Meurer passen in den Kontext von Köln-Vingst/Höhenberg. Es ist ein kulturell und religiös vielfältiger Stadtteil, in dem etwa 25.000 Menschen wohnen, etwa 55% der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, bei den unter 18-Jährigen sind es etwa 75 %. Viele sozial Schwache leben in diesem Viertel, etwa 45% der unter 15-Jährigen zählen zu den Leistungsberechtigten in der Grundsicherung nach Sozialgesetzbuch II. Die Arbeitslosenquote insgesamt beträgt etwa 16 %, im Jugendbereich mehr als 10%. (Alle Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2012.)

Eine solidarische Kirche ist eine offene Kirche

In der Interkulturellen Woche engagieren sich Christinnen und Christen gemeinsam mit Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen. Die folgenden Gedanken haben besonders Christinnen und Christen im Blick

Kaum ein Christ wird in die Lage kommen, eine Kirche zu entwerfen und zu bauen – zumindest nicht als ein Haus aus Stein. Eine an Jesus von Nazareth und seiner Botschaft orientierte Gemeinde besteht nicht zuerst aus einem Haus, erbaut mit Ziegeln und Beton, sondern aus lebendigen Steinen, worauf schon der Apostel Paulus hinweist (1Petr 2,5). Und an diesem lebendigen Haus einer engagierten, auf Solidarität fußenden Gemeinde ist jede und jeder eingeladen mitzubauen. Eine Theologie und eine kirchliche Praxis, die soziales Engagement als zweitrangig und den Einsatz für Gerechtigkeit als »weltlich« abqualifizieren, werden dem Evangelium nicht gerecht. Denn nicht denen, die »Herr, Herr!« sagen, wird das Heil zugesagt, sondern nur denen, die den Willen des Vaters tun (Mt 7,21). Und was dieses »Tun« beinhaltet, ist im Matthäusevangelium (Mt 25,35-40) nachzulesen: Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken geben, Fremde und Obdachlose aufnehmen, Nackte bekleiden sowie Kranke und Gefangene besuchen. Nichts ist zu lesen vom Sichern eigener Privilegien und von der Kontaktpflege zu Eliten.

Wenn es um Solidarität geht, nimmt das Neue Testament die Tradition der jüdischen Heiligen Schrift auf und macht keinen Unterschied zwischen Einheimischen und »Fremden«. Wer Menschen ausgrenzt und diffamiert, wer das »christliche Abendland« gegen »Fremde« verteidigen und retten will, kann sich nicht auf die Bibel berufen. Im Gegenteil: Die Bibel lässt keinen Millimeter Platz für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Auch das lässt sich praktisch in der Kirche St. Theodor in Köln erfahren und von den dort (und natürlich auch an zahlreichen anderen Orten) Engagierten lernen. Die Kirche muss sich allen öffnen, die mit ihren Sorgen, Nöten und Belastungen kommen. Diese Offenheit ist im Wesentlichen eine Grundhaltung. Wo diese Haltung fehlt, werden auch Türen nicht geöffnet.

Aus biblischer Perspektive ist der praktische Auftrag, Gerechtigkeit zu üben, keineswegs exklusiv. Christinnen und Christen sind aufgerufen zur Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. Das Leitwort der diesjährigen Interkulturellen Woche »Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt« ruft auch zur Vielfalt in der Solidarität auf – zur ökumenischen auf jeden Fall, aber auch zur Vielfalt in der Kooperation religiöser und gesellschaftlicher Akteure. Die Frage, die am Anfang gestellt werden sollte, lautet: Wer engagiert sich bereits vor Ort, mit wem können wir als Kirchengemeinde oder Gemeindegruppe kooperieren, wen können wir zur Mitarbeit gewinnen, wenn es darum geht, Hungrige zu speisen, Obdachlose aufzunehmen und Flüchtlinge zu beherbergen.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Dr. Werner Höbsch
Weitere Informationen:

Dr. Werner Höbsch ist Mitglied im ÖVA. Leiter des Referates Dialog und Verkündigung im Erzbistum Köln.


Einen Kirchenführer mit Fotos findet sich auch im Internet: Michael Paetzold: Die Pfarrkirche St. Theodor in Köln-Vingst. Haus für Gott und die Menschen, in: http://contrib.koeln-vernetzt.info/Media/BusinessCards/8dff4224-6cfc-4a0....

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