›kommen, um zu bleiben‹ - Welcome Center Sozialwirtschaft

 
Ein Beispiel zur Unterstützung von Vielfalt am Arbeitsplatz

Eine Sozialstation arbeitet schon viele Jahre am Ort und erhält viele Anfragen und Aufträge. Es geht um häusliche Pflege, Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme und Hilfe im Haushalt. So können kranke und ältere Menschen in ihrem vertrauten Umfeld bleiben und mithelfende Familienangehörige entlastet werden. Doch die Mitarbeiterinnen sind zunehmend zeitlich gefordert. Und die Einsatzleitung sieht schon jetzt größere personelle Engpässe auf sich zukommen, wenn in den kommenden Jahren Kolleginnen altersbedingt mit der Arbeit aufhören werden. Neue Fachkräfte werden gesucht! Zeitungsannoncen haben bisher nicht geholfen. Wie kann dieses Unternehmen neue Fachkräfte gewinnen?

Zu dieser Situation gibt es auch die andere Geschichte: Eine Familie entscheidet sich, ihre Heimat zu verlassen und in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Die Eltern sind gut ausgebildet und suchen hier eine qualifizierte Arbeitsstelle. Junge Menschen flüchten aus ihrem Land vor Menschenrechtsverletzungen, Krieg, Armut und Aussichtlosigkeit und hoffen auf eine neue Chance bei uns. Eine südeuropäische Frau arbeitet seit Jahren als niedrigqualifizierte Hilfskraft, dabei hat sie vor langer Zeit eine Ausbildung abgeschlossen. Wie kann sie zukünftig ihrer Qualifikation entsprechend arbeiten?

Das Thema Fachkräftebedarf gewinnt zunehmend an Bedeutung. Zahlreiche Einrichtungen der Sozialwirtschaft beklagen bereits heute einen Mangel an Fachkräften, der Einfluss auf Arbeitsbedingungen und damit auf die Qualität sozialer Dienstleistungen haben wird.

Es geht hierbei um vieles: Unternehmen möchten gutqualifizierte Mitarbeitende und ein stabiles Team. Das soll wirtschaftlich tragbar sein und alle sollen nach ethischen Maßstäben korrekt bezahlt werden. Unser Land ist und wird Heimat für viele Menschen, die hier Zuflucht suchen oder nach Deutschland migrieren. Sie möchten sich gerne engagieren und ihre Potentiale und Begabungen einbringen. 2014 hat das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen in Baden-Württemberg das Projekt ›Welcome Center‹ gestartet. 10 Center sind in verschiedenen Regionen des Landes eingerichtet, sie helfen internationalen Fachkräften und Unternehmen aller Branchen vor Ort. Das 11. Center ist das ›Welcome Center Sozialwirtschaft‹. Mit der Diakonie Baden und Württemberg als Projektträger ist gerade die Unterstützung in ethisch prekären Grauzonen ein großes Anliegen. Von Karlsruhe und Stuttgart aus kümmern sich die Mitarbeitenden beratend und prozessbegleitend um Unternehmen wie Pflegestationen, Altenhilfeeinrichtungen, Krankenhäuser und Kindergärten, die Fachkräfte suchen. Sie sind Ansprechpersonen und unterstützen in enger Kooperation mit den Migrationsberatungsstellen und den Kompetenzzentren auch internationale Fachkräfte, die schon bei uns leben oder in der kommenden Zeit hierher ziehen wollen. Dies auch bezüglich der Möglichkeit von Anerkennung bestehender beruflicher Qualifikation.

Wie können wir konkret helfen?

Sehr viele Informationen sind schon vorhanden. Es gibt Beratungsstellen für Migrantinnen und Migranten und Kompetenzzentren, die bei der Anerkennung beruflicher Qualifikationen unterstützen. Das Internet ist auch hier eine Quelle vielzähliger Hinweise und Strukturen. Eine Hilfe besteht oft darin, den genauen Wissensbedarf zu ermitteln, Ratsuchenden als Lotse den Weg zu weisen, ihnen Kontakte zu vermitteln, Information zukommen zu lassen. Die Sozialstation haben wir in direkten Treffen beraten, wir haben mit den Verantwortlichen verschiedene Lösungswege durchgeplant und geschaut, was in ihrer Situation sinnvoll und zielführend sein könnte. Sie hat sich entschieden, mit einer Vermittlungsagentur Pflegefachkräfte aus einem EU-Land anzuwerben. Der Frau, die niedrig-qualifiziert arbeitet, haben wir Wege aufgezeigt, wie sie ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lassen kann. Das wird nicht ganz problemlos und direkt gehen, aber Gespräche mit ihr, Begleitung bei der Antragstellung im Regierungspräsidium und Zuhören bei ihren Gedanken und Problemen haben sie ermutigt, diesen Schritt zu gehen.

Kultur trifft auf Kultur

Bei der Arbeit mit und für Menschen in Personalverantwortung und in beginnenden Arbeitsverhältnissen wird deutlich, dass guter Wille alleine nicht ausreichend ist. Das war schon immer so und ist keineswegs auf die Neueinstellung internationaler Fachkräfte beschränkt. Begegnung bedeutet, dass zwei (oder mehr) Menschen mit ihren Ideen und Potentialen, Sorgen und Ängsten, Wünschen und Hoffnungen zusammenkommen und eine gemeinsame – neue – Sprache und Arbeitsroutine finden müssen. Das viel beschriebene Motto der Nachhaltigkeit ist auch hier von essentieller Bedeutung, es geht darum ›zu kommen und zu bleiben‹. Damit ein Team sich findet und aneinander bindet, ist Zeit und Offenheit von Nöten. Wir führen Seminare zur Willkommenskultur und interkulturellen Kompetenz durch. In Übungen, gemeinsamen Gesprächen und Gruppenarbeiten ist hier Gelegenheit, über die eigene Identität, Kultur und Werte und die spezifischen Aspekte der Arbeit nachzudenken und voneinander zu lernen. Und die Erfahrung zeigt: wir wissen vieles nicht voneinander, auch vermeintlich ›alte Kollegen‹ sind sich in so manchem fremd. Die Mischung aus Neugier, Offenheit und eigenem Erzählen führt zu vielen ›Ahas‹, Wertschätzung, Staunen und Lachen. So können neue Mitarbeitende, die ihre eigene (Arbeits)kultur in das Team einbringen, bewirken, dass sich Teams neu finden und Arbeitszusammenhänge überdacht werden. Hier investierte Zeit ist der Nährboden, auf dem Personalbindung gedeiht.

Als Welcome Center Sozialwirtschaft im Verbund mit den anderen Centern und den Beratungsstellen im Land sind wir nur eine von vielen Stellen, die sich konkret für faire Vielfalt am Arbeitsplatz einsetzen. Jede Initiative ist wichtig, ein wertschätzender Austausch gewinnbringend und das staunende Lernen voneinander und miteinander Motivation und Ermutigung.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autorin:
Dr. Christine Böhmig
Weitere Informationen:

welcome-center-sozialwirtschaft-bw.de

Kontakt: