Neuzuwanderung: Herausforderung für die muttersprachlichen Communities

 
© ÖVA zur Interkulturellen Woche/Bernd Lauter

Am 21. Januar 2015 ist der Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung für das Jahr 2013 veröffentlicht worden. Danach sind 1,2 Mio. Menschen in diesem Jahr nach Deutschland zugewandert, knapp 800.000 haben das Land im selben Zeitraum wieder verlassen. Der Wanderungsüberschuss in Höhe von 429.000 Personen, die mehr nach Deutschland zu- als abgewandert sind, ist der höchste seit dem Jahr 1993. Dieses Wanderungsgeschehen ist mehrheitlich europäisch, die EU-Binnenmigration macht fast 60 % des gesamten Zuwanderungsgeschehens nach Deutschland aus. Erste Zahlen für das Jahr 2014 lassen vermuten, dass diese Zahlen noch weiter angestiegen sind.

Die wenigsten dieser Neuzugewanderten können etwas Deutsch, manche sprechen Englisch und kommen damit zurecht, viele sind aber angewiesen auf Menschen, mit denen sie sich in ihrer eigenen Sprache verständigen können und die ihnen bei den ersten Schritten in der »neuen Welt« behilflich sind. Diese Menschen, die die eigene Muttersprache sprechen und sich in vertrauenswürdigen Gruppen treffen, seien es Kirchengemeinden, Kulturvereine oder andere Gruppierungen und Netzwerke, sind wichtige Anlaufstellen für die Neuzuwandernden. Sie erhoffen sich dort Informationen, Hilfen, um sich in der neuen Sprache und im neuen Land zurechtzufinden – und oft auch ganz konkrete und handfeste Unterstützung. Die bestehenden muttersprachlichen Communities sind aber zugleich mit eigenen Themen und Problemen befasst und nicht unbedingt darauf eingestellt, aus dem Stand beraterische oder sozialarbeiterische Kompetenzen aufzubieten.

Bei der Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche im Februar 2015 sind Erfahrungen und Problemanzeigen zusammengetragen und besprochen worden.

Die Dipl.-Pädagogin Antonia Annoussi von der Düsseldorfer Diakonie stellt die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE) und das Netzwerk griechischer Akteure in NRW vor. Sie berichtet von einem Anstieg des Beratungsbedarfs zwischen 2011 und 2013 um fast 60 %, nicht eingerechnet die vielen telefonischen und elektronischen Anfragen, die bei den MBE auflaufen.

Beim Abschluss der Anwerbeverträge in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden bei den Beratungsdiensten für »Gastarbeiter« die Menschen aus den traditionell katholischen Ländern Italien, Spanien, Portugal und Kroatien an Stellen der Caritas verwiesen; das Diakonische Werk kümmerte sich vorrangig um Gastarbeiter aus Griechenland und die Arbeiterwohlfahrt um die aus der Türkei. Längst haben die Wohlfahrtsverbände diese Zuordnungen hinter sich gelassen; alle Migrationsberatungsstellen sind für alle Migranten aus allen Ländern offen. Der Preis allerdings ist, dass in den MBE die Vielfalt der Sprachen, in denen die Ratsuchenden kommen, nicht mehr abgebildet werden kann. Auch daraus resultiert ein hohes Interesse an Vernetzung und Kontakt zu bestehenden Communities aus unterschiedlichsten Ländern.

Der inzwischen im Ruhestand lebende – und umso aktiver ehrenamtlich engagierte – frühere KAB-Sekretär José Alberto Haro Ibañez stellt die Erfahrungen der spanischsprachigen katholischen Missionen und der aus ihnen heraus gegründeten Spanischen Elternvereine in Deutschland vor. Diese Formen muttersprachlicher Selbstorganisation haben unersetzliche Beiträge zu Bildung, eigener Verantwortlichkeit und Integration der Menschen aus spanischsprachigen Ländern in Deutschland erbracht – viele der noch bestehenden und nur ruhenden Strukturen konnten im Angesicht der rasanten Neuzuwanderung aus spanischsprachigen Ländern nach Deutschland revitalisiert werden und dienen nun als Informations- und Unterstützungsbasis.

Pfr. Markus Schaefer vom Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland stellt die erheblichen Potenziale der Gemeinden anderer Sprache und Herkunft vor. Er benennt die idealtypischen Identitätsfindungsphasen von muttersprachlichen Communities, die von der Abschottung (Seklusion) über die Öffnung bis hin zur Inkulturation führen, und weist darauf hin, dass massive Neuzuwanderung in diese Communities selbstverständlich die Phase der Seklusion verlängert, in der es um Festigung der kulturellen, sprachlichen und religiösen Identität von Neuzuwanderern und um die Verarbeitung migrationsbedingter Konflikte geht.

Archimandrit Athenagoras Ziliaskopoulos, Leiter der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Frankfurt, erzählt von den vielen Menschen, die oft mit nicht viel mehr als ihrer Identität und ihrer Sprache im Koffer sich auf die von den Umständen erzwungene Migration einlassen und oft genug massive Probleme bei Arbeits- und Unterkunftssuche haben.

In vielen Gesprächsbeiträgen wird angemahnt, dass Migrationswillige schon vor ihrer Abreise aus dem Herkunftsland ein verlässlicheres Bild der Chancen und Risiken, die sie in Deutschland erwarten, erhalten müssen. Viele werden aufgrund von Falschinformationen Opfer von Schleppern, verschulden sich, können mit ihren sprachlichen und beruflichen Qualifikationen in Deutschland nicht Fuß fassen und müssen als Gescheiterte mit noch höheren Schulden als sie vorher schon hatten in ihr Heimatland zurückkehren.

Mit hoher Achtung und großem Dank wird von dem enormen solidarischen Engagement der muttersprachlichen Communities und Selbsthilfeorganisationen gesprochen. Ihre Mitwirkung im Netzwerk von Beratung und Unterstützung ist ausgesprochen wertvoll und oft unersetzlich – trotzdem ist darauf zu achten, dass Beratung, Betreuung und Unterstützung von Neuzuwanderern Aufgabe und Verantwortung der dafür geschaffenen und staatlich verantworteten Regelsysteme in Ausländerbehörden und Wohlfahrtsverbänden ist und dass dort auch aus fachlichen und rechtlichen Gründen die Federführung liegen muss. Eine noch so gut gemeinte Unterstützung kann etwa im Fall einer Falschberatung zu erheblichen existenziellen und (haftungs-)rechtlichen Folgen führen. Die enge Verzahnung von Regelsystemen und muttersprachlichen Communities in geeigneten Netzwerken beugt diesen Gefahren vor und mobilisiert die notwendigen Unterstützungsressourcen.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Stefan Schohe
Weitere Informationen:

Stefan Schohe ist Nationaldirektor für die Ausländerseelsorge bei der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied im ÖVA.


Die Präsentationen, die Frau Annoussi und Herr Schaefer im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche vorgestellt haben, finden Sie auf unserer Homepage unter Vorbereitungstagung 2015.

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