Antimuslimischer Rassismus – Eine beidseitige Herausforderung

 
© Thomas Plaßmann

Seit langem steht der Islam im Fokus der Medien. Allerdings ist die Berichterstattung nicht erst seit dem 11. September 2001 geeignet, islamophobe Tendenzen hervorzurufen und ein entsprechendes Feindbild zu prägen. Über viele Jahrzehnte kennzeichnete ein eindeutiges Islambild die Titel vieler Zeitungen und Zeitschriften wie z.B. Stern, Spiegel oder Fokus. Meist waren darauf u.a. verschleierte, angeblich unterwürfig wirkende Frauen zu sehen, die signalisieren sollten, dass es allen Frauen Europas ›so gehen würde‹, wenn der Islam hier weiter Fuß fassen könnte.

War es einmal nicht das Frauenthema, das die Titel beherrschte, so belehrte die Darstellung meist bärtiger, wüst drein blickender Gesellen, die Leserinnen und Leser, was es mit der angeblichen Islamisierung Europas auf sich habe. In letzter Zeit ist die Medienseite teilweise etwas sensibler geworden, allerdings bezieht sich das noch nicht auf alle Vertreter_innen der Branche.

In der Tat handelt es sich aber um ein Problem mit zwei Seiten. Vielerorts fehlt es z.B. immer noch an Informationen: einmal greifen Nichtmuslim_innen häufig vermeintliche Fakten aus einer nicht gerade objektiven Berichterstattung über den Islam auf und nehmen sie für bare Münze, zum anderen aber repräsentieren auch Muslim_innen oft einen Islam, der sich maximal noch als traditionell bezeichnen ließe. Das ist allerdings u.a. auch das Ergebnis eines jahrzehntelang nicht vorhandenen islamischen Religionsunterrichts. Viele Zuwanderer_innen haben ihren Kindern und Enkel_innen eben jene tradierte Prägung islamischen Alltags vermittelt, die sie selbst als Islam verstanden hatten. Dieser ›Volksislam‹ wird bis heute in vielen Gruppierungen als unumstößliche einzige Form der Religion angesehen. Das erschwert innerislamisch jedwede Diskussion über andere Perspektiven. Allerdings ist auch diese traditionelle Sichtweise in keinerlei Hinsicht gewalttätig. Auch die Befürchtung einer Islamisierung Deutschlands ist angesichts von ca. 3,8 Millionen Muslim_innen bei 81 Millionen Einwohner_innen in Deutschland unbegründet. Die meisten Menschen islamischen Glaubens wollen nur in Ruhe leben. Doch auch sehr friedfertige Menschen geraten mehr und mehr ins Grübeln, wenn sie Aushänge wie diesen aus einer Arztpraxis in Deutschland sehen:

1.         In dieser Arztpraxis gilt ein striktes Verbot von Kopftüchern bei islamistischen Frauen und Mädchen!
2.         Es werden Grundkenntnisse der deutschen Sprache in Wort und Schrift und Aussprache zwingend vorausgesetzt
3.         Kinderreiche islamistische Familien mit mehr als 5 Kindern werden in dieser Praxis nicht behandelt!

Der Fairness halber muss gesagt werden, dass hier von administrativer Seite eingegriffen wurde und der Aushang entfernt wurde, aber das bedeutet ja noch lange nicht, dass sich die ursprüngliche Einstellung geändert hat.

Für Muslim_innen hat die islamfeindliche Hetze auch noch eine andere Symbolkraft, wenn z.B. Pegidaanhänger_innen mit der deutschen Flagge in den Städten umhermarschieren und sie damit augenscheinlich für sich vereinnahmen. Es handelt sich immerhin um ein Symbol, das diesen Staat repräsentiert.

Manche reagieren mit Humor, wenn sie etwa in einen Burnus gekleidet mit einem MogediVedA (Muslime gegen die Verdummung des Abendlandes)-Plakat dagegen demonstrieren. Allerdings macht sich bei vielen auch Trauer breit, wenn sie immer wieder auf ihren ›Gaststatus‹ und den ihrer Religion hingewiesen werden. Dabei gehört der Islam ebenso zu Deutschland wie Judentum und Christentum, wenn wir bedenken, dass alle aus dem Orient stammen!

Aber auch das Geschichtsbewusstsein ist bei Vielen nicht ausreichend gefördert worden. Zahlreiche Menschen, auch auf muslimischer Seite, reagieren mit großem Erstaunen, wenn sie etwas über die Geschichte des Islams in Deutschland erfahren, vor allem, wenn sie feststellen, dass diese nicht erst in den 60/70er Jahren des letzten Jahrhunderts angefangen hat.

Andererseits haben sich durch das jahrzehntelange Verharren vieler Gruppierungen in ausschließlich traditionellen Formen sehr unterschiedliche Formen des Islams herausgebildet, die einen breiten Spannungsbogen von extrem fundamentalistisch bis hin zu liberal umfassen.

Sowohl ein theologisches Profil in muslimischen Gruppierungen als auch ein adäquater islamischer Religionsunterricht müssen etabliert werden. Es ist einfach nicht ausreichend, sich stetig von Terror und Gewalt zu distanzieren, sondern es ist notwendig, die eigenen fehlbaren Einstellungen der Vergangenheit zu revidieren. Dabei muss sich auf muslimischer Seite niemand verbiegen, sondern nur die Angst vor anderen – eben auch muslimischen – Sichtweisen überwinden. Es gehört einfach dazu, den Schüler_innen mehrere Optionen, die der Islam bietet, nahe zu bringen und die Fähigkeit junger Menschen, eigenständig zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen, zu fördern.

Dazu gehört z.B. auch das Nachdenken über Gleichberechtigung u.a. der Geschlechter. So wäre es notwendig sich z.B. mit dem bereits 2005 von Amina Wadud geleiteten gemischtgeschlechtlichen Gebet auseinanderzusetzen. Gleich welcher Meinung Mann oder Frau darüber ist, so sollte es doch zumindest diskutiert werden und auch als legitime Form muslimischen Gemeindelebens dargestellt werden.

Wenn es möglich ist, das breitgefächerte Bild vom Islam mehr publik zu machen und Wissen darüber in allen Bevölkerungsschichten zu verbreiten, gibt es Hoffnung, dass Muslim_innen in absehbarer Zeit nicht mehr so handeln müssen, wie es diese Karikatur darstellt:

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Kategorie: 
Autorin:
Rabeya Müller
Weitere Informationen:

Rabeya Müller ist zweite Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. Sie kann für Veranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche angefragt werden.

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