Fremde im eigenen Land

 
Cover der Dokumentarfilmereihe "Antiziganismus" (Medienprojekt Wuppertal)

Bis heute gelten Sinti oder Roma als Fremde in ihren eigenen Heimatländern, obwohl sie seit Jahrhunderten Bürger dieser Länder sind. Die öffentlichen Debatten und deren Berichterstattung bestärken diesen Eindruck. Die vorherrschende Meinung scheint die zu sein, dass diese Gruppe besondere Probleme habe, sich in die »Gesellschaft« zu integrieren. Die Gründe hierfür werden häufig in ihrer vermeintlich »gegensätzlichen« oder »abweichenden« Kultur, ihrer biologischen Anlage oder ihren Traditionen gesucht. Die häufigsten Zuschreibungen, die im Zusammenhang mit Sinti und Roma immer wieder gemacht werden, sind z. B. Nomadentum, Kriminalität, Unreinlichkeit, Ruhestörung, Müßiggang und Hedonismus.

Macht man sich die Mühe, diese Erzählungen zu hinterfragen und gleicht sie mit der Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Sinti und Roma ab, offenbart sich jedoch eine Diskrepanz zwischen den mehrheitsgesellschaftlichen Vorstellungen und der realen Situation dieser Gemeinschaft.

Viele Menschen glauben zwar, eine Vorstellung davon zu haben, wie Sinti und/oder Roma heute in Deutschland leben, nur selten fußt dieses vermeintliche Wissen allerdings auf konkreten Erfahrungen mit den Betroffenen. Tatsächlich haben die meisten Menschen ein verzerrtes Bild bzw. eine von Stereotypen überlagerte Wahrnehmung von der Minderheit.

Eine Erklärung liegt in der Geschichte und Bedeutung des »Zigeuner«-Begriffs. Im Allgemeinen herrscht noch immer die Vorstellung vor, dass »Zigeuner« real existierende Personen seien. Nur selten besteht ein Bewusstsein dafür, dass es sich bei dem sog. »Zigeuner« um eine Abstraktion – eine Art Kunstfigur – handeln könnte, die Jahrhunderte alte mehrheitsgesellschaftliche Bilder auf reale Menschen projiziert. Besonders in der Kunst und Literatur wird der Konstruktionscharakter der »Zigeuner«-Stereotype sehr deutlich. Vorstellungen, was und wer »Zigeuner« sind, gibt es schon lange. Ähnliche Konstruktionen existieren auch im Zusammenhang mit anderen Begriffen, wie etwa dem der »Hexe«. Bis in die Zeit der Aufklärung hielt die Mehrheit der Menschen die Existenz von »Hexen« für eine Tatsache. Die Funktionen und Wirkungsmechanismen ähneln dabei dem »Zigeuner«-Begriff.

Das heutige Bild der Sinti und Roma entspringt demnach einer langen Tradition von Erzählungen, Bildern und Motiven, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. »Zigeuner« ist eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird – so haben sich die Sinti und Roma selbst nicht genannt. Die Durchsetzung der Eigenbezeichnung Sinti und/oder Roma im öffentlichen Diskurs war von Anfang an ein zentrales Anliegen der Bürgerrechtsbewegung, die sich vor allem seit Ende der Siebzigerjahre in der Bundesrepublik formierte. Dadurch sollte zugleich ein Bewusstsein für jene Vorurteilsstrukturen und Ausgrenzungsmechanismen geschaffen werden, die im Stereotyp vom »Zigeuner« ihre Wurzeln haben.

In Deutschland und Europa nehmen diskriminierende und rassistische Einstellungen gegenüber sozial benachteiligten Gruppen gegenwärtig wieder zu. Gerade Sinti und Roma geraten mehr und mehr in den Fokus rassistischer Ausgrenzung. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma engagiert sich daher gegen den wachsenden »Antiziganismus« in Deutschland und Europa und versucht, die prekäre Lebenssituation von Roma in ost- und südosteuropäischen Staaten zu thematisieren und ins öffentliche Licht zu rücken. Weiterhin bildet die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Abwehr gegenüber »antiziganistischen« Denk- und Handlungsweisen einen Aufgabenschwerpunkt.

Darüber hinaus kann jeder Einzelne mit relativ einfachen Mitteln dazu beitragen gesellschaftlichen Ressentiments zu überwinden und die gleichberechtigte Teilhabe der Sinti und Roma zu sichern.

• Widersprechen Sie, wenn in Ihrem persönlichen Umfeld diffamierende oder stigmatisierende Äußerungen über Sinti und Roma fallen oder
die Bezeichnung »Zigeuner« verwendet wird.

• Weisen Sie durch Leserbriefe Herausgeber und Öffentlichkeit darauf hin, wenn in Publikationen der Fremdbegriff »Zigeuner« verwendet wird.

• Achten Sie bei der Erziehung von Kindern auf einen vorurteilsfreien Umgang mit anderen Menschen und klären Sie sie über Unrechtmäßigkeiten von stigmatisierenden Zuweisungen auf.

• Informieren Sie sich über die aktuelle Lebens- und Abschiebesituation von Sinti und Roma in Deutschland und anderen europäischen Ländern.

• Protestieren Sie gegen die Abschiebepraxis der Bundesregierung und die prekäre Situation in Aufnahmeländern wie dem Kosovo.

• Als Lehrer/in können Sie eine Unterrichtsreihe zum Thema Sinti und Roma und »Antiziganismus« durchführen.

• In Gemeinden und städtischen Einrichtungen können Veranstaltungen mit Politiker/innen sowie Betroffenen durchgeführt und die Thematik diskutiert werden.