»Ich möchte in Deutschland ein ›normales‹ Leben führen können – ich bitte Sie sehr, mir zu helfen.«

 

Wir kennen den jungen Mann schon länger und sind angetan von seiner freundlichen, höflichen Art. Als dann im Frühjahr 2014 die Anfrage von einer psychosozialen Beratungsstelle für Flüchtlinge kommt, ob wir ihn mit einem Kirchenasyl vor Abschiebung schützen könnten, erfuhren wir erstmals mehr von seiner Geschichte und waren erschrocken: Daniel kommt aus Italien, aus Libyen, aus der Sahara, aus dem Sudan, aus Eritrea. Er hat eine jahrelange Flucht hinter sich. »Ich bitte Sie sehr, mir zu helfen«, sagt er, als er am Ende seiner langen Geschichte angekommen ist.

In der Tat: Die Kirchengemeinde kann ihm helfen. Nach intensiven Gesprächen beschließt der Kirchengemeinderat, Daniel aufzunehmen, ihm Kirchenasyl zu gewähren und ihn dadurch vor der Rückschiebung nach Italien zu bewahren. Er tut dies, weil er überzeugt ist, dass diese Abschiebung unzumutbare Härten für Daniel bedeuten würde:

Die Dublin III-Verordnung sieht vor, dass das jeweilige europäische Ankunftsland für den Asylantrag zuständig ist. Sie geht davon aus, dass Geflüchtete nach gleichen Standards in ganz Europa aufgenommen und versorgt werden. Soweit die Theorie. Daniel hat anderes erlebt. Was er aus Italien – wo er beim zweiten Versuch der Flucht von Libyen über das Mittelmeer ankam – berichtet, ist skandalös: »Man (brachte) uns in das Aufnahmelager bei Catania auf Sizilien…. Das Lager war völlig überfüllt. Von mindestens drei oder vier Schiffen wurden alle Menschen dort hineingestopft – vielleicht 1000 insgesamt. Man vergab … keine neuen Ausweise, die Zugang zu Essen und Getränken gewährleisteten. Schlafplätze gab es auch keine ohne Ausweis. Man konnte sich nachts nur in der Cafeteria oder im Freien aufhalten.«

So ist das Leben in Italien für Daniel am Ende ein Leben ohne Schutz, in der Obdachlosigkeit. Er lebt auf der Straße in Catania, ernährt sich von etwas Wasser und wildwachsenden Kaktusfeigen, die ihm Bauchschmerzen und Hautausschlag am ganzen Körper bescheren. Medizinische Behandlung für diese Beschwerden gibt es nicht. Auch nicht für die Kriegsverletzungen, die er aus Eritrea mitgebracht hat und die noch jahrelang Schmerzen verursachten.

Er war in Eritrea noch als Schüler zum Militärdienst gezwungen worden, hatte dort 10 Jahre als Soldat – und davon 4 ½ Jahre in Militärhaft – verbracht. Mehrfach desertierte er. Die Zeiten im Gefängnis verbrachte er ohne jegliches Gerichtsverfahren. Am Ende blieb die Einsicht, dass er dort, wo er einmal zu Hause gewesen war, in Lebensgefahr war. Und seine Familie auch. Deshalb musste er fliehen.

Das Leben in Italien war für Daniel eine Fortsetzung seiner Flucht: »In dieser Hinsicht sind für mich Eritrea und Italien gleich unmenschlich. In Eritrea war ich ständig dem Tod ausgesetzt und Italien hat mich nicht vom Meer gerettet, noch nach der Ankunft irgendwie geholfen. Ich leide immer noch sehr darunter. Meine Erlebnisse in Eritrea, bei der Flucht und in Italien hinterlassen eine tiefe Narbe in meiner Seele.«

Seit er in Deutschland angekommen ist und insbesondere: seit er im Kirchenasyl lebt, seit er mit anderen Menschen zusammen seinen – immer noch steinigen – Weg geht, schöpft er Hoffnung: »Ich bin durch meine Flucht von einer Todesstätte ins Leben gekommen«, sagt Daniel.

Dieses Leben findet vor allem im Musikraum der Kirchengemeinde statt. Der Kantor hat es für die Dauer des Kirchenasyls geräumt. Viele in der Gemeinde unterstützen ihn: Sie sprechen deutsch mit ihm, begleiten ihn zum Arzt, der bereit ist, ihn kostenlos zu behandeln, versorgen ihn mit Kleidung, Hilfsmitteln, Filmen, Sportgeräten.

Daniel gibt zurück, was er kann: Er hilft bei Veranstaltungen, kocht für Gemeindefeste eritreisches Essen und sein selbstgebackenes Brot ist inzwischen berühmt in der Gemeinde.

Mit der Unterstützung der engagierten Ehrenamtlichen hat Daniel seine Geschichte aufgeschrieben und seine Fluchtgründe dargestellt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bezweifelt jedoch, dass Daniels Geschichte ein besonderer Härtefall wäre und dass dadurch Deutschland für seinen Asylantrag zuständig werden könnte. Italien sei zuständig. So sei das Verfahren.

Wie die Geschichte ausgeht, ist noch unklar, das Kirchenasyl ist noch nicht beendet. Aber Daniel gibt nicht auf. Zum ersten Mal seit Jahren fühlt er sich sicher. Und er schaut nach vorne und hat Pläne für die Zukunft: »Ich möchte in Deutschland eine Ausbildung machen und ein ›normales‹ Leben führen.« Das umzusetzen ist schwerer als es zunächst klingt. Aber auch das gehört zum Kirchenasyl dazu: Geduld haben, abwarten, Ohnmacht aushalten, nicht müde werden zu hoffen und gemeinsam den aufrechten Gang üben.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
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Autorin:
Pastorin Dietlind Jochims
Weitere Informationen:

Pastorin Dietlind Jochims ist Beauftragte für Migrations-, Asyl- und Menschenrechtsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland und Vorstandsvorsitzende der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche.

Kontakt: dietlind.jochims@oemf.nordkirche.de