Einleitungsartikel: Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt.

 
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Heute wie vor 40 Jahren gilt das Erfolgsrezept der Interkulturellen Woche: Begegnungen schaffen Verständnis, Gespräche führen zum Abbau von Ängsten. Aus Unbekannten werden geschätzte Nachbarinnen und Nachbarn – oft Freundinnen und Freunde.

Es geht dabei nicht nur um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher, kultureller oder religiöser Prägung. Es geht um das »Wir« in jeder Hinsicht. Jeder Mensch hat die gleiche Würde und die Menschenrechte sind die Grundlage unserer Gesellschaft. Dies prägt das Grundgesetz ebenso wie den christlichen Glauben. Immer dann, wenn Grund- und Menschenrechte bedroht sind, heißt es, dagegen aufzustehen.

Alle haben das Recht, ihre Religion frei zu leben – auch Muslime. Die Rede von einer angeblichen Islamisierung des Abendlandes ist üble Hetze. Die Angst vor Terror, der vordergründig religiös verbrämt wird, darf uns nicht lähmen. Wir verurteilen jegliche Form der Feindseligkeit gegenüber dem Islam sowie die Ablehnung von Flüchtlingen. Wir rufen auch dazu auf, sensibel den wachsenden Antisemitismus wahrzunehmen, ihn nicht wegzuschweigen sondern dagegen anzugehen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Die Ängste von Menschen in unserem Land müssen ernst genommen werden. Aber was heißt das? Und was ist die Aufgabe der Interkulturellen Woche und der sie vorbereitenden Ehren- und Hauptamtlichen in Kirchen, Verbänden, Kommunen und gesellschaftlichen Organisationen?

Der erste Schritt ist, sich die aktuelle Situation vor Augen zu führen. Angst kann nicht dadurch bekämpft werden, dass man Verständnis für Ansichten und Positionen äußert, für die es kein Verständnis geben kann. Es gibt in einem nicht unbeträchtlichen Maße rassistische Einstellungsmuster, die tief verwurzelt sind. Rechtsextremistische Gruppierungen und ihre Brückenköpfe versuchen sie zu nutzen, um Akzeptanz in der Gesellschaft zu gewinnen. Nicht jede Äußerung ist daher diskussionswürdig und nicht jede Diskussion ist mit jedem zu führen. Anlässlich der letztjährigen Interkulturellen Woche wurde davor gewarnt, dass rechtsextrem Eingestellte versuchen, durch die sogenannte »Wortergreifungsstrategie« Versammlungen, Dialoge und politische Veranstaltungen zu majorisieren und das Thema zu prägen. Es gilt wachsam zu sein und diese Versuche konsequent zu unterbinden.

Zwar gibt es in der gegenwärtigen Weltlage viele Gründe, in Sorge zu sein. Nationalistisch aufgeheizte Konflikte führen zu nahezu unüberschaubaren und anscheinend kaum zu bewältigenden Ausbrüchen. Gewalt und Kriege erscheinen manchen als Mittel, politische Ziele durchzusetzen. Alte Feindbilder und überkommene Muster werden reaktiviert, so z.B. in den Konflikten in der Ostukraine oder im Nahen Osten. Oft wird Religion instrumentalisiert, um solche Konflikte anzuheizen oder gar als Legitimation für Verbrechen gegen die Menschlichkeit missbraucht. Hierfür gibt es keine Entschuldigungen – Erklärungen müssen jedoch gesucht und Auswege aufgezeigt werden, auch um der Ausbreitung solcher Entwicklungen entgegenzuwirken. Zu den vielen aktuellen Konflikten gibt es keine einfachen und sofort greifbaren Lösungen.

Wer jedoch heute mit dem Finger auf »den Islam« zeigt und Muslime mit den Auswüchsen des islamistischen Terrors konfrontiert und ihre religiöse Legitimation in Frage stellt, ist gut beraten, sich mit der eigenen (christlichen) Religion und ihrer Wirkungsgeschichte auseinanderzusetzen. Anlässe hierfür gibt es genug, z.B. die bis heute spürbare Wirkung der Kreuzzüge im Nahen Osten und ihre religiöse Legitimation. Oder: Der Hass auf Juden, der über Jahrhunderte hinweg bis heute dauert und auch in der Reformation befördert wurde.

Rassismus geht auch ohne Rassisten

»Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt … « Dies formulierte der Historiker Theodor Mommsen 1894. Der Aufstieg des Faschismus und seine verheerenden Folgen sollten ihm Recht geben.

Doch solche Entwicklungen sind keineswegs unaufhaltsam oder unkorrigierbar. Rassistische Grundhaltungen können sich verselbständigen, sie können aber auch bekämpft werden. Die PEGIDA-Bewegung in Dresden und andernorts hat monatelang die öffentliche Debatte bestimmt. Unabhängig davon, wie laut die rassistisch aufgeladenen Ressentiments herausgebrüllt werden – die entsprechenden Einstellungen sind auch dann noch vorhanden, wenn die Medien längst nicht mehr berichten. Dagegen stehen aber auch Tausende ein für den Schutz der Menschenrechte und dem darauf basierenden Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft.

Was ist gegen Rassismus zu tun? Der Rassismusforscher Professor Brähler beantwortete diese Frage bei der Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche im Februar 2015 mit dem Satz »Man muss sich des Rassismus in den eigenen Reihen bewusst werden und Begegnungen und Kontakte stärken.«

Rassistisch sind aus der eigenen Sicht in der Regel immer die Anderen. Nur wenigen ist klar, wie stark rassistische und rechtsextremistische Grundhaltungen etwa bei Kirchenmitgliedern oder den Wählern der demokratischen Parteien verankert sind. Rund 20% aller Kirchenmitglieder sind nach den Untersuchungen der Rassismusforschung rassistisch oder rechtsextremistisch eingestellt.

Fast bedeutsamer noch ist das gesellschaftlich vorhandene »rassistische Wissen«. Gemeint sind damit die Informationsbruchstücke über das »Anderssein« von Rassismus betroffener Gruppen, die in den Köpfen aller – auch im Wissen der Institutionen schlummern. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Behörden nach den Terroranschlägen des NSU jahrelang konsequent in die falsche Richtung ermittelten? Dass die Möglichkeit von rassistisch motiviertem Terror ausgeschlossen wurde, obwohl es viele Hinweise in diese Richtung gab?

Rassistische Diskriminierung findet auch ohne bekennende »Rassisten« statt. Es reicht für die Aktivierung rassistischen Wissens schon die Erwartung, dass irgendwo in der Gesellschaft ein Resonanzboden vorhanden sein könnte, ohne dass mit offenem Visier eine rassistische Zuschreibung erfolgt.

Es ist daher von großer Bedeutung, dass die Kirchen und die großen gesellschaftlichen Gruppen die Interkulturelle Woche nutzen, um in ihren eigenen Reihen die Wirkweise rassistischer Diskriminierung sichtbar zu machen und für den Schutz der Vielfalt zu werben und immer wieder dafür einzutreten. Im Unterschied zur Lebenswirklichkeit von Mommsen Ende des 19. Jahrhunderts zeigt sich in Deutschland heute, dass das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft funktionieren kann. Deutschland ist bunt, Deutschland ist vielfältig geworden. Es ist eine Generation herangewachsen, deren Identität nicht auf Homogenität beruht. Diese Generation definiert und gestaltet Gesellschaft. Begegnungen und Zusammenleben sind zum Alltag geworden. Selbstverständlich gehören allerdings auch Konflikte dazu. Sie müssen benannt und bearbeitet werden. Problematisch wird es, wenn Konflikte aus populistischen Motiven mit scheinbar einfachen Lösungen von Politikerinnen und Politikern aufgeladen werden. Das trägt zu wachsender Akzeptanz solcher Positionen bei. Eine rationale und gemeinwohlorientierte Argumentation wird schwieriger, sie ist jedoch notwendiger denn je.

Ist Deutschland an der Grenze der Aufnahmefähigkeit für Flüchtlinge und Zuwandernde?

Immer wieder ist zu hören, Deutschland sei an der Grenze der Aufnahmefähigkeit von Flüchtlingen. In der Tat ist die Aufnahme von 200.000 oder 300.000 oder mehr geflüchteten Menschen, die kurzfristig zu organisieren ist, eine Herausforderung. Es ist bewundernswert, wie an vielen Orten Kommunen, Kirchen und Initiativen eine hervorragende Aufnahme organisieren und Integrationsarbeit leisten. Woran es mangelt, sind lang- und mittelfristig angelegte Konzepte, die zu einer strukturierten Integrationspolitik führen. Hier liegt auch eine Aufgabe für die Interkulturelle Woche. Die Veranstaltungen können dafür sensibilisieren, die Aufnahme und Integration an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren. Heute und auch in den kommenden Jahren wird Deutschland sich auf die Zuflucht von Menschen einstellen müssen. Dafür sind Konzepte notwendig. Bezahlbare Wohnungen für alle – nicht nur für Flüchtlinge – müssen geschaffen und Flüchtlinge möglichst schnell dezentral untergebracht werden. Die Integration in den Arbeitsmarkt muss ebenso erfolgen wie die Sprachvermittlung und die Bildung und Ausbildung von jungen Flüchtlingen.

Gleiches gilt, wenn es um die Einwanderung von Menschen aus europäischen Staaten geht, sei es aus den EU-Staaten oder aus angrenzenden Ländern. Sie und Asylsuchende haben keinen Rechtsanspruch auf die Integrationskurse des Bundes. Einwanderung und Zuflucht nach Deutschland wird zu oft in Schubladen gedacht und in Schubladen organisiert. Die nahezu alleinige Verantwortung der Innenpolitiker von Bund und Ländern greift zu kurz. Ein sozial- und gesellschaftspolitisches Gesamtkonzept ist erforderlich, um Deutschland auf die zukünftig zu erwartende Einwanderung und Zuflucht einzustellen und die Strukturen entsprechend zu gestalten.

Nur wenigen ist bewusst, dass verwandtschaftliche Bindungen Deutschland zu einem Hauptzielland von Flüchtlingen, etwa aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Eritrea machen. In keinem anderen Land Europas gibt es solch große Communities aus diesen Staaten.

Viele der jetzt Fliehenden haben Familienangehörige und andere Verwandte in Deutschland. Es ist nicht nur menschlich nachvollziehbar, sondern auch ein Gebot der Vernunft, ihnen die Einreise zu erlauben. Familien und Communities helfen bei der Suche nach Wohnungen, nach Arbeit, beim Erlernen der Sprache. Diese Möglichkeiten sollten genutzt werden, um sich der Verantwortung und den Herausforderungen zu stellen, die aus Flucht und Migration erwachsen

Die anscheinend plötzlich auftretende Wanderung von Menschen aus dem Kosovo und aus Albanien nach Westeuropa – und hier insbesondere nach Deutschland – wurde vom Bund Anfang des Jahres mit kurzfristig wirkenden, auf Abwehr und Abschottung ausgerichteten Maßnahmen beantwortet. Hier sollte eher darauf hingearbeitet werden, die Staaten des Balkans an die Europäische Union heranzuführen. Ebenso sollte die EU darauf hinwirken, dass dort sowohl die Menschenrechte gegenüber Minderheiten beachtet werden als auch eine Entwicklung einsetzt, die die Region stabilisiert. Das würde bei vielen Menschen dort die Hoffnung auf eine gute Zukunft für sich und ihre Kinder in ihrer Heimat stärken.

Europa entwickelt sich weiter. Die Interkulturelle Woche soll und kann dazu beitragen, engstirniges und nationalistisches Denken zu überwinden. Hierzu gibt es keine Alternative. Beteiligen Sie sich an der Interkulturellen Woche. Nehmen Sie die Veranstaltungen wahr, denken und streiten Sie über zukunftsgewandte Lösungen. Suchen Sie die Begegnung und engagieren Sie sich – in der Interkulturellen Woche und darüber hinaus.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor/innen:
Johannes Brandstäter, Mitglied im ÖVA, Günter Burkhardt, Geschäftsführer, Friederike Ekol, Mitarbeiterin, Gabriele Erpenbeck, Vorsitzende und OKR Thorsten Leißer, Mitglied im Ökumenischen Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche (ÖVA).
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