Würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?

 
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Konflikte sind ein Zeichen gelungener Integration.
Denn je integrierter Menschen sind, desto stärker wollen sie mitgestalten, verändern, Ansprüche erheben, Interessen vertreten, sich organisieren.

Ich könnte zum Einwanderungsland Deutschland zehn Minuten Schlechtes erzählen und müsste nicht lügen. Es gibt Probleme. Da aber über diese Probleme ausführlich berichtet wurde und wird, kann ich Ihnen nichts erzählen, was Sie nicht schon wüssten.

Deshalb mache ich es anders und erzähle über einige Erkenntnisse, die bei mir selbst zu einem Perspektivwechsel geführt haben. Denn: Vorurteile sind hartnäckig.

Nehmen wir das Kopftuch. Das Kopftuch ist etwas, worüber gestritten wird und worüber auch gestritten werden kann! Diese Diskussion findet selbst unter Muslimen statt. Aber was bedeutet dieses Stück Stoff überhaupt? Und wie funktioniert es in Deutschland? Ich meine also keine theologische oder historische Analyse, sondern ich frage danach, was es in der Praxis heute in Deutschland bedeutet, ein Kopftuch zu tragen.

Ich habe mit Frauen gesprochen, die das Kopftuch über viele Jahre trugen und es dann irgendwann abgelegt haben. Was waren ihre Erfahrungen? Ich war selbst überrascht und musste meine Vorstellungen neu sortieren. Diese Frauen fühlten sich, nachdem sie das Kopftuch abgelegt hatten, nicht mehr wahrgenommen. Kaum jemand guckte sie mehr an. Und das lag nicht daran, dass sie unattraktiv wären, sondern daran, dass sie nun nicht mehr auffielen.

Das Kopftuch wirkt zunächst so, als würde es Frauen entmündigen, schüchtern und ängstlich halten. Darauf können sich viele Menschen schnell einigen, das ist das klassische Vorurteil. Aber wenn eine Frau in Deutschland ein Kopftuch trägt, dann ist sie keine Ameise im Armeisenhaufen, wie das vielleicht in manch einem muslimischen Staat wäre. Ein Kopftuch zu tragen bedeutet nämlich aufzufallen, beobachtet und angegafft zu werden, in Diskussionen mit Fremden und in der Regel skeptischen Menschen verstrickt zu werden, sich permanent rechtfertigen zu müssen. Es schützt nicht!

Im Gegenteil: Es gehört eine gehörige Prise Selbstbewusstsein dazu und diejenigen, die das Kopftuch tragen, müssen hart im Nehmen sein. Es gibt die Fälle von Zwang, aber es sollte jedem auch klar sein, dass dies nicht die Regel ist. Häufig genug tragen junge Frauen eins, während ihre Mütter dies nicht tun, was zeigt, dass es auch ein Zeichen von Emanzipation, Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und auch von gelungener Integration sein kann. Wir sollten Sachverhalte nicht danach sortieren, dass Vorurteile weiter funktionieren.

Es ergibt keinen Sinn, Menschen danach zu beurteilen, wie sie aussehen, welche Kopfbedeckung sie tragen, welche Hautfarbe, Augenform, Haarstruktur sie haben. Und auch nicht danach, welche ungewöhnlichen Namen sie tragen. Wir sollten Menschen respektieren und über Themen diskutieren, auch gemeinsam streiten. Anerkennung und Teilhabe! Das sind die zentralen Aspekte, das ist Integration. Genau dafür steht Birlikte – die drei Tage haben das in eindrucksvoller Weise gezeigt.

Und meine These lautet: Integration funktioniert gut! Und das, obwohl eine aktive deutsche Integrationspolitik bis zur Jahrtausendwende kaum existierte. Integration funktioniert gut! Wer das anders sieht, lief vor 30 oder 40 Jahren mit Scheuklappen durchs Land. Kinder von zugewanderten Familien arbeiten in allen Bereichen auch in Spitzenpositionen, in Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst, Politik usw. Ich rede hier auch von Gastarbeiterkindern. Und die Integrationspolitik der letzten 15 Jahre wird noch weiter Wirkung zeigen. Aber jetzt schon zeigen die allermeisten Daten, dass es – bei allen Problemen – in die richtige Richtung geht. In den letzten 15 Jahren hat es eine positive Entwicklung gegeben. Aber man muss sich die Frage stellen: Warum wird das häufig nicht erkannt? Warum wird genau in dem Zeitraum, in dem es immer besser läuft, ein entgegengesetzter Eindruck vermittelt?

Und damit komme ich zu einer weiteren These: Viele Menschen meinen, am Ende gelungener Integration steht Harmonie und Statik, also Anpassung. Genau das ist aber ganz häufig nicht der Fall. Einwanderungsländer sind komplexe Gebilde. Integration ist keine Einbahnstraße. Je besser Integration gelingt, desto mehr Menschen sind gestaltende Teile des Ganzen und äußern ihre Interessen und Bedürfnisse und verändern dadurch auch das Land. Und das führt zu Kontroversen, immer wieder aufkommenden Diskussionen und auch zu Konflikten.

Das ist ganz typisch für Menschen, die integriert sind. Menschen, die integriert sind, wollen mitgestalten, verändern, erheben spezifische Ansprüche, äußern ihre Bedürfnisse, vertreten eigene Interessen, organisieren sich selbst und im Übrigen verhalten sie sich damit auch typisch deutsch: Sie gründen wie wahnsinnig Vereine.

Integration bedeutet Veränderung und Wiederholung. Die Gesellschaft verändert sich und Probleme wiederholen sich, weil jedes Jahr eine neue erste Generation nach Deutschland kommt, zuletzt waren es jährlich 1 Million Menschen, jährlich die Bevölkerung Kölns. Und deshalb können wir nicht einmal über alles sprechen und glauben, dass es das dann gewesen ist. Und: na klar, das ist anstrengend.

Die Kritikerinnen und Kritiker verwechseln Integration häufig mit Ruhe und Provinzialität. Dieses Verständnis bezieht sich eben nicht auf Teilhabechancen und Zugehörigkeit, sondern eher darauf, eine gewisse Lebensweise vorzuschreiben und dann in Kontroversen und Veränderungen immer nur das Schlechte zu sehen.

Der Kopftuch-Streit steht für solche Veränderungen und ist ein solcher Konflikt. Dabei darf nicht vergessen werden: Erst als eine Frau mit Kopftuch ein Lehramtsstudium erfolgreich absolviert und Lehrerin in Deutschland werden will – was ein wunderbarer Beleg für gelungene Integration ist, übrigens ist sie Deutschlehrerin – entwickelt sich ein Problem. Erst aufgrund dieses Bildungserfolgs entsteht der Kopftuchstreit, bei dem es natürlich nicht um Teilhabechancen und Zugehörigkeit, also nicht um Integration ging, sondern ausschließlich um ihre Lebensweise. Und Sie können sich selbst überlegen: Inwieweit würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?

Lassen Sie sich auf folgendes Gedankenexperiment ein: Stellen Sie sich vor, Sie wären hochqualifiziert, Sie können irgendetwas, was auf dem Weltarbeitsmarkt sehr gefragt ist und Sie sind bereit, Ihre Heimat Deutschland zu verlassen. Sie haben mehrere Angebote aus mehreren Ländern. Im dem einen Land, Land A, wird erwartet, dass Ihre Kinder nicht mehr deutsch sprechen und schon gar nicht Deutsch in der Schule lernen, es herrscht eine insgesamt negative Stimmung bezüglich Einwanderung und das Motto lautet: »Wenn Du schon herkommst, dann pass Dich gefälligst an!« Das war Land A. In Land B wird klar kommuniziert: »Bleib wie Du bist, und gestalte mit! Deine Kinder können und sollen deutsch sprechen und das auch richtig lernen, Deine Religiosität oder Nicht-Religiosität wird geachtet. Sei ein Teil des Ganzen, und wir schreiben Dir nicht vor, wie Du zu leben hast.« Sie sind hochqualifiziert, Sie sind weltweit gefragt und Sie haben die Wahl. Wohin würden Sie gehen?

Natürlich haben Sie gemerkt, dass das eine rhetorische Frage ist. Denn wenn Sie sich für Land A entscheiden, dann ist das ein guter Anfangsverdacht für eine psychische Störung und bevor Sie das Land verlassen, sollten Sie lieber einen Therapeuten aufsuchen. Natürlich, gehen diejenigen, die die Wahl haben, die Top-Qualifizierten, auf Dauer nicht dorthin, wo am lautesten über Migration gemeckert wird. Und diejenigen, die schon da sind, passen sich doch auch nicht an, nur weil man permanent über sie herzieht. Und diejenigen, denen es wirklich schlecht geht, die Armen und Bedrohten der Welt, hält man durch eine negative Stimmung nicht davon ab, zu kommen, und damit hilft man ihnen schon gar nicht.

Meckern ist nicht immer schlecht, meckern ist gut, wenn man besser werden will, wenn man damit kritisieren will, dass Chancengleichheit noch nicht erreicht ist, dass Rassismus ein Problem ist, wenn man vorwärts kommen möchte. Aber die scharfe Kritik der Populisten und Demagogen ist meist ein Ausdruck von Skepsis gegenüber Einwanderung überhaupt und Ausdruck einer grundlegenden Ablehnung, mit dem Argument, es würde alles schlecht laufen und immer schlechter werden, was nicht stimmt und wodurch man den Rassismus in unserer Gesellschaft nur noch stärker schürt.

Und deshalb sage ich es abschließend nochmal: Wer meint, dass es im Hinblick auf Integration früher besser war als heute, der leidet an einer schweren Form von Nostalgie oder lebte die letzten Jahrzehnte in einem anderen Land. Vielen Dank!

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Kategorie: 
Autor:
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani
Weitere Informationen:

Wir dokumentieren Prof. El-Mafaalanis Rede im Rahmen des Kulturfestes »Birlikte. Zusammenstehen« anlässlich des 10. Jahrestages des NSU-Bombenanschlags im Juni 2014 in Köln.

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani ist Professor für politische Soziologie an der Fachhochschule Münster.
Er kann für Veranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche angefragt werden.
mafaalani@fh-muenster.de

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