Vergesst die Gastfreundschaft nicht – die Gemeinschaft Sant’Egidio und ihre Erfahrungen mit Geflüchteten

 
© Cornelia Paasch, Sant Egidio

»Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt« (Hebr 13,2). Dieses biblische Wort ist der Leitfaden für den über 40jährigen Einsatz der Gemeinschaft Sant’Egidio für Menschen mit Migrationshintergrund und Asylsuchende. Immer wieder wurde dabei deutlich, dass diese Menschen eine Botschaft übermitteln, dass sie Boten Gottes sind: Sie holen heraus aus einem manchmal engen Horizont und einer eingeschränkten Weltsicht, sie öffnen den Blick und das Herz, um die Realität zu erkennen und dann auch zu verändern. Die Begegnung und Freundschaft mit ausländischen Menschen und Flüchtlingen sind eine Hilfe, um menschlicher zu sein.

Es ist nicht neu, dass Menschen auf der Flucht sind. Neu sind die Dimensionen der Flucht in Richtung Deutschland, die den Begriff »Flüchtlingskrise« geprägt haben. Das anfängliche Staunen, der anfängliche Enthusiasmus sind zum Teil geschwunden. Unsere Überzeugung, die sich aus jahrzehntelanger Erfahrung speist, bleibt jedoch unverändert: Was heute als Krise bezeichnet wird, ist eine Chance, eine Herausforderung, ja kann ein Kairos für unsere Gesellschaft und für die Kirchen sein.

Ein Anzeichen hierfür ist die enorme Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Wir nehmen einen breiten innerlichen und äußerlichen Aufbruch unterschiedlichster Menschen wahr, den in unseren Kirchen vielleicht keiner so erwartet hätte. Männer und Frauen, Jugendliche und Ältere, Menschen mit verschiedenem Glaubenshintergrund bieten ihre Unterstützung an, kommen und helfen an verschiedenen Stellen.

So werden die Sprachkurse, die Sant’ Egidio in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen organisiert, unter Einbeziehung einer großen Anzahl von Studierenden durchgeführt. Der Schatz einer jahrzehntelangen Erfahrung ist dabei eine wichtige Stütze. Neben dem Sprachunterricht gibt es vielfältige konkrete Angebote: die Begleitung bei ­Behördengängen, Information, Begegnungen und Feiern zu besonderen Festen (Weihnachten, Ramadan etc.) oder Friedensgebete. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich selbst ehrenamtlich zu engagieren, z.B. beim Besuch in Seniorenheimen, und damit die Erfahrung, trotz aller Schwierigkeiten etwas für andere tun zu können.

Die »Friedensschulen« von Sant’Egidio, in denen sozial benachteiligte Kinder Unterstützung erfahren, sind durch die Aufnahme von Flüchtlingskindern stark gewachsen; in ihnen engagieren sich zahlreiche Schülerinnen und Schülern. Hierbei arbeitet die Gemeinschaft mit verschiedenen Institutionen zu­sammen und konnte beispielsweise in Würzburg erreichen, dass nahezu sämtliche Kinder und Jugendliche aus Aufnahmeeinrichtungen zeitnah den Schulunterricht besuchen, was anfänglich unmöglich erschien.

Beim Weihnachtsmahl, zu dem die Gemeinschaft Sant’Egidio an jedem Weihnachten ihre ärmeren Freunde einlädt, zeigte sich diese Entwicklung besonders deutlich: Es beteiligten sich mehr ehrenamtliche Helfer als je zuvor. Trotz der hohen Anzahl an Gästen (in Würzburg ca. 2000 Personen) gingen so reichlich Geschenke, Essen und Geldspenden ein, dass es – wie bei der Brotvermehrung im Evangelium – für alle reichte.

Es bleibt nicht bei einem einseitigen »Helfen«. Inzwischen werden die Diens­te von Sant'Egidio durch zahlreiche Jugendliche und Erwachsene aus Kriegsgebieten, den »Neueuropäern«, wie die Gemeinschaft sie gerne benennt, unterstützt: In den Friedensschulen, bei den Besuchen von alten Menschen, in der Mensa, in der die Gemeinschaft regelmäßig ältere bedürftige Menschen zu einem Essen einlädt: Überall sind schöne Freundschaften entstanden. Es bedeutet ihnen viel, auf diese Weise etwas von der Freude zurückzugeben, die sie selbst in der Gemeinschaft erfahren haben.

Auch die Gebete und Gottesdienste von Sant’Egidio werden durch die Anwesenheit von Geflüchteten bereichert. In manchen Städten wird das Gebet der Gemeinschaft Sant’Egidio bilingual abgehalten, bei Gottesdiensten und Friedensgebeten ist ihre Teilnahme groß. Ökumene ist dabei selbstverständlich.

Beide Seiten machen dabei die Erfahrung, dass die Begegnung eine Bereicherung ist. Hier wird wahr, was Franz von Assisi beschrieben hat: »Was mir früher als abstoßend und bitter erschien, hat sich in Freude und Wohlgefallen verwandelt«. Ja, die Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen, schenken uns neue Visionen: Ihre Anwesenheit konkretisiert den Traum von einer friedlichen und gerechten Welt.

Bei all dem geht es auch um eine größere, europäische Dimension. Der lei­tende Bischof der VELKD (Vereinigte Evangelisch-lutherische Kirche in Deutschland), Landesbischof Gerhard Ulrich, sagte im September 2015 beim Internationalen Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Albanien: »Als Christen sind wir nicht frei, die Flüchtlinge in Europa nicht aufzunehmen.« In diesem Sinne hat Sant’Egidio in ökumenischer Verbundenheit mit der Union der evangelischen Kirchen Italiens und mit der italienischen Regierung das Projekt »Humanitäre Kanäle« entwickelt, dank dessen Menschen mit Anspruch auf internationalen Schutz humanitäre Visa erhalten, um sicher nach Europa zu kommen und ihr Asylverfahren durchzuführen. Die erste große Gruppe von syrischen Flüchtlingen kam Ende Februar dieses Jahres vom Libanon nach Italien.

Ja, die Geflüchteten sind Boten Gottes für unsere Welt. Gerade im Jahr der Barmherzigkeit, in dem Papst Fran­ziskus die Gläubigen immer wieder ­direkt auffordert, Flüchtlinge aufzunehmen, sollten sich die Kirchen, die Gesellschaft, der Kontinent Europa öffnen und integrierend wirken. Denn die Barmherzigkeit Gottes hat keine Obergrenze.

Weitere Informationen über die Gemeinschaft Sant Egidio finden Sie im Internet unter:

 

Kontakt: info@santegidio.de

 

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Kategorie: 
Autorin:
Angelika Wagner
Kontakt:

info@santegidio.de

Die Gemeinschaft Sant’Egidio

Die Gemeinschaft Sant’Egidio wurde 1968 in Rom gegründet und ist eine christliche Laiengemeinschaft. Seit 1981 gibt es Gemeinschaften von Sant’Egidio in Deutschland, u.a. in Berlin, München, Würzburg, Mönchengladbach, Osnabrück und Bremen. Inzwischen ist Sant’Egidio in den meisten europäischen Ländern wie auch in Afrika, Amerika und Asien präsent und umfasst derzeit über 60.000 Mitglieder in 75 Nationen.

Ihre Mitglieder engagieren sich in sozialen Diensten ehrenamtlich und unentgeltlich, insbesondere mit Geflüchteten, einsamen alten Menschen in Senioren- und Pflegeheimen, Obdachlosen, sozial benachteiligten Kindern und Familien sowie Menschen mit geistiger Behinderung.

Das gemeinsame Abendgebet, Friedensgebete und Gottesdienste bilden die Grundlage für das gemeinschaftliche Leben und Wirken. U.a. ihre Friedensvermittlungen in Krisenregionen (z.B. 1992 Friedensvertrag für Mosambik), internationale Friedenstreffen der Weltreligionen und Menschenrechtskampagnen, wie der Einsatz gegen die Todesstrafe, haben Sant’Egidio international bekannt gemacht.