Auch nach fast 30 Jahren ist das Anliegen der IKW keineswegs überholt! - Stojan Gugutschkow über die Anfänge der IKW in Leipzig und seine Bilanz

 
Stojan Gugutschkow, Leiter des Referats für Migration und Integration der Stadt Leipzig; © Stefan Hoyer

Als ich vor fast 28 Jahren als »Ausländerbeauftragter« – so war damals die Bezeichnung, angefangen habe, war dieser Arbeitsbereich ein Neuland. Es hatte in der DDR keine Strukturen gegeben, die sich speziell mit der Integration von Ausländern und dem Thema Fremdenfeindlichkeit befassten; das waren auch keine Themen der öffentlichen Diskussion. Dieses Neuland durfte ich ab Mai 1990 beackern. Ich habe geschaut, was es an Strukturen, Initiativen, Projekten und Veranstaltungsreihen in den alten Bundesländern gibt. Die Erfahrungen westdeutscher KollegInnen kamen mir bei meiner Arbeit zugute.

Die Interkulturellen Wochen, die damals ja noch »Woche des ausländischen Mitbürgers« hießen, fanden wir in Leipzig gut. Die Idee sagte mir zu, nicht aber die Bezeichnung, weil ich das als zu euphemistisch empfand, Dennoch: Die Idee haben wir in Leipzig gleich 1991 umgesetzt und dabei den bundesweit angesetzten Termin für die »Woche«, wie auch für den Tag des Flüchtlings übernommen. Von den Erfahrungen der westdeutschen Veranstalter*innen haben wir sehr profitiert, aber stets auch versucht, die Anregungen so umzusetzen, dass sie den Leipziger Verhältnissen entsprechen. Wir haben die Woche des ausländischen Mitbürgers nicht eins zu eins kopiert. Das zeigt sich etwa daran, dass wir die Veranstaltungsreihe schon im ersten Jahr mit der Bezeichnung »Interkulturelle Woche« verknüpft haben. Den ursprünglichen Titel haben wir ab 1994 gar nicht mehr verwendet. Bundesweit hat sich der Titel »Interkulturelle Woche« ja erst viele Jahre später durchgesetzt.

Angefangen hat die IKW in Leipzig mit 20 Veranstaltungen; ziemlich schnell stellten wir fest, dass eine Woche nicht ausreicht. Das Interesse war sehr groß – seitens der Akteur*innen und seitens der Teilnehmenden. Also haben wir im Jahr darauf die Veranstaltungen auf zehn Tage verteilt und 1993 auf zwei Wochen ausgedehnt. Seitdem finden in Leipzig die »Interkulturellen Wochen« statt, inzwischen mit 120 bis 140 Veranstaltungen.

Im Referat für Migration und Integration der Stadt Leipzig ist die zentrale Anlaufstelle für die Interkulturellen Wochen angesiedelt; wir koordinieren diese Reihe, wird sind aber nicht die Hauptveranstalter. Die Interkulturellen Wochen werden von sehr, sehr vielen Akteur*innen getragen, es beteiligen sich daran 80 bis 100 Vereine, Einrichtungen, Initiativen und Gruppen. Es gibt einen Stamm von Veranstalter*innen, die jedes Jahr mitmachen, aber stets auch neue Engagierte. Um potenziell Interessierte darauf aufmerksam zu machen, verschicken wir zu Beginn des Jahres ein Rundschreiben, erinnern über die Medien an den Termin im Herbst und laden zu einem Vorbereitungstreffen ein.

Es kommen zu uns viele Initiativen und Gruppen, die mit einer Veranstaltung im Programm der Interkulturellen Wochen auftauchen möchten. Wir prüfen, ob das Angebot die Kriterien der Interkulturellen Wochen erfüllt. Allein der Wunsch, ins Programm aufgenommen zu werden, reicht natürlich nicht aus. Die Veranstaltungen müssen einen Bezug zu den Themen Migration und Integration, zum Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, zu Kultur und Religion haben; sie müssen mit dem Bestreben konzipiert sein, interkulturelle Begegnungen, Austausch und Diskussionen zu ermöglichen. In welcher Form die Veranstaltungen gestaltet werden, schreiben wir nicht vor. Wir achten aber darauf, dass die Kriterien erfüllt sind, bevor sie in das Programmheft aufgenommen werden.

Die Koordinierungsstelle hat sich bewährt – nicht nur, weil sie dafür sorgt, dass das Programm vor der Sommerpause steht und das Heft rechtzeitig gedruckt wird. So eine zentrale Stelle ist auch sinnvoll, um Themen- und Terminüberlappungen zu vermeiden und um wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Nicht alle Akteur*innen verfügen über Strukturen, um auf ihre Veranstaltungen aufmerksam zu machen. Wir können zwar auch nicht jeden einzelnen Programmpunkt bewerben, aber die Interkulturellen Wochen insgesamt über ein Pressegespräch, in dem das Gesamtprogramm vorgestellt wird. Und über Plakate, über das gedruckte Programm und über tägliche Veranstaltungshinweise an die Medien machen wir auf die Einzelveranstaltungen aufmerksam.

Neben dem regulären Förderverfahren hat unser Referat seit zwei Jahren einen Fonds, um Veranstaltungen von Initiativen zu fördern, die die Fristen für Förderanträge nicht einhalten konnten, aber eine Veranstaltung mit aktuellem Bezug anbieten möchten. Für kurzfristig geplante Aktivitäten haben wir insgesamt 3000 Euro und können Veranstalter*innen mit bis zu 500 Euro unterstützen, je nach Art des geplanten Programms.

Es ist nach meinen Erfahrungen gut, traditionelle Höhepunkte der Interkulturellen Woche beizubehalten. Es ist aber genauso gut, immer wieder etwas Innovatives dabei zu haben. Wir in Leipzig haben z.B. von Beginn an unser eigenes Logo; das ist gut für die Wiedererkennung. In unserer Stadt ist unser Logo so etabliert, dass eine Änderung kaum möglich ist. Oder ein anderes Beispiel: Von Anfang an waren uns die Kooperationen mit den Christlichen Kirchen sehr wichtig. Denn wir brauchten damals und brauchen immer noch Verbündete, die die Integration von Migrant*innen in unserer Stadt fördern. Über viele Jahre war der Ökumenische Eröffnungsgottesdienst ein Höhepunkt zu Beginn der Interkulturellen Wochen; im Laufe der Zeit haben wir jedoch festgestellt, dass es unbefriedigend für andere Akteur*innen ist, wenn nur christliche Kirchen mitmachen. Denn in Leipzig haben wir – im Vergleich zu anderen ostdeutschen Städten – eine sehr breitgefächerte religiöse Vielfalt.

Wir waren der Ansicht, dass auch die anderen Religionsgemeinschaften berücksichtigt werden müssen. Daher eröffnen wir die Interkulturellen Wochen seit 2013 nicht mehr mit einem ökumenischen Gottesdienst, sondern mit einer interreligiösen Feier. Und dies ist entstanden aus der Überlegung, einerseits um Akteur*innen aus anderen Religionsgemeinschaften in die Interkulturelle Woche einzubinden, andererseits ein breiteres Publikum zu erreichen und anzuziehen. Die Frage, wo diese Feier stattfindet sollte, hat uns im Vorbereitungskreis sehr beschäftigt. Denn es gibt Animositäten unter den einzelnen Religionsgemeinschaften, so sehr, dass manche gegenseitig ihre Räumlichkeiten nicht betreten. Wir haben uns daher bewusst für einen neutralen Ort entschieden. Die Feier findet im Neuen Rathaus statt, damit Mitglieder aller Religionsgemeinschaften an der Feier teilnehmen. Der ökumenische Gottesdienst findet auch weiterhin statt – in der Mitte der Interkulturellen Wochen.

Unser Programm ist inhaltlich stets offen für aktuelle Entwicklungen. Zu Beginn der 1990er Jahre hatten wir hier im Osten während der Interkulturellen Wochen andere Schwerpunkte, da war insbesondere Fremdenfeindlichkeit sehr präsent. Später kamen weitere aktuelle Themen hinzu. Islamophobie und Geflüchtete etwa sind z.B. Themen, die stärker im Mittelpunkt stehen. Und das dank all der Akteur*innen, die auf die aktuellen Entwicklungen mit entsprechenden Veranstaltungen reagieren. Denn auch nach fast 30 Jahren ist das Anliegen der Interkulturellen Wochen keineswegs überholt!

Aufgezeichnet von Canan Topçu.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
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Das Motiv »Straße der Vielfalt ?« - links unten im Text sehen - ist als Postkarte zur Interkulturellen Woche 2018 erhältlich.
Gestaltung: Morgenstern & Kaes, Ludwigsburg
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