Hechingen – was geht? - Wie junge Geflüchtete nicht nur die Seniorinnen und Senioren begeistern

 
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Es sind Schulferien in Baden-Württemberg. An der Einfahrt zur Altenwohnanlage Graf Eitel-Friedrich in Hechingen in der Nähe des Bodensees sind Bohr- und Sägegeräusche nicht mehr zu überhören. Ein junger Mann wechselt einen abgenutzten Bohrer aus. Wie war das noch gleich – hatte der Holzbohrer nicht ein spitzes Ende? Daneben hebt eine Gruppe Jugendlicher ein Beet aus. Dort soll später ein Insektenhotel stehen.

Bereits 2016 wurde in Kooperation mit einer ansässigen Gärtnerei ein Blumenbeet im Innenhof des Seniorenwohnheims angelegt. Dieses Jahr soll das Gartenprojekt weitergeführt werden. Es entstand im Rahmen des Jobmentoren-Projekts für Geflüchtete unter dem Dach des Deutschen Caritasverbands. Junge Menschen sollen bereits während des Asylverfahrens im Hinblick auf Ausbildungs-und Arbeitsplätze im ländlichen Raum beraten werden. Im Rahmen des Gartenprojekts kann der Umgang mit Werkzeug geübt und Wissen im Bereich Gartenbau vermittelt werden. Nebeneffekt: die Jobmentorin Lisa Savastano kann prüfen, welche Kompetenzen die Teilnehmenden mitbringen. Das hilft ihr später bei der Beratung.

»Erst möchte ich Deutsch lernen, dann kann ich meine Zukunft vorbereiten«, sagt der 16- jährige Mohammed. Die jungen Menschen sind zwischen 15 und 18 Jahre alt und kommen überwiegend aus dem Sudan, Eritrea und Guinea. Sie sind unbegleitet, das heißt, sie reisten ohne Elternteil nach Deutschland ein. Doch von Melancholie oder Besorgnis keine Spur. Es sind quirlige, aufgeweckte Jugendliche, die mit Harke, Säge und Spaten hantieren. Sicherlich sind die Sätze auf Deutsch hier und da noch etwas holprig, aber man kann sich mit den jungen Männern gut verständigen. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil einige von ihnen erst seit zwei Monaten in einen Deutschkurs gehen.

Aktuell besuchen »ihre Jungs«, wie die Jobmentorin Lisa Savastano ihre Schützlinge liebevoll nennt, eine VABO-Klasse (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse der beruflichen Schulen) und werden mit intensivem Deutschunterricht auf den Wechsel in eine Regelklasse vorbereitet. »Ich möchte Krankenpfleger werden«, sagt der 15-jährige Mustafa; seine Freunde Elektroniker, Automechaniker oder Schweißer. Aber stets wird betont, dass sie zunächst Deutsch lernen müssen. »Jeden Tag lernen wir ein bisschen mehr«, sagen Alhassane und Boubacar.

Plötzlich kommt Hektik auf. Die Werkzeuge müssen noch weggeräumt, der Vorplatz gesäubert werden. Es ist bereits spät am Nachmittag. Viele der Jungs haben anschließend Fußballtraining. Danach spielt Bayern München gegen Real Madrid in der Champions League. Noch eine kurze Frage: Warum sie ausgerechnet nach Deutschland gekommen sind? »Ich liebe Deutschland, denn in Deutschland ist alles in Ordnung und es gibt eine Demokratie«, so die Antwort des 17-jährigen Alhassane. Sein Freund Boubacar ergänzt: »Mein Traum ist es, eine Ausbildung zu machen«.

Hechingen wird schöner

»Es ist erstaunlich, aber seit die Jungs an den Bastelnachmittagen in der Altenwohnanlage teilnehmen, kommen mittlerweile über 20 Bewohner*innen regelmäßig zu den Aktivitäten. Davor waren es höchstens fünf«, berichtet Lisa Savastano. Seit der letzten Aktionswoche im Rahmen des Gartenprojekts wird wöchentlich gemeinsam gebastelt und gewerkelt, um die Altenwohnanlage zu verschönern. Die jungen Geflüchteten sind gern gesehene Gäste, die sich breitwillig zu einer Partie Karten überreden lassen. Wunderbar sei der neue Innenhof, schwärmt eine Seniorin. Bei gutem Wetter halten sich die Bewohner*innen jetzt gerne dort auf. Die Verschönerung der Anlage ist ein Grund, weshalb sich die ortsansässige Gärtnerei Hubert Zanger am Projekt beteiligt. »Wir unterstützen gerne diese gute Idee und freuen uns, wenn Hechingen etwas schöner wird«, sagt der Geschäftsführer Michael Mößner. Gewiss geht es auch darum, den Jugendlichen die Berufe im Gartenbau näherzubringen.

Aktuell ist die Auftragslage sehr gut. Qualifizierte Fachkräfte sind gefragt. Viele Handwerksberufe konkurrieren mit akademischen Berufen. »Natürlich ist es eine Chance, Jugendliche mit Fluchthintergrund auszubilden«, bemerkt er weiter. Ihm ist es egal, woher eine Person komme, alleine die Leistung zähle. Mit dieser Einstellung ist er bisher immer gut gefahren. Daher konnte auch im März ein junger Syrer eine Einstiegsqualifizierung mit Unterstützung der Jobmentorin beginnen. Ab September fängt er mit seiner Ausbildung an. In Hechingen – da geht was!

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Kategorie: 
Autorin:
Leonie Bronner
Weitere Informationen:

Kontakt: Leonie Bronner, Deutscher Caritasverband

Aus: MIGrations-MAGazin 2/2017, Hrsg.: Katholische Arbeitsgemeinschaft Migration (KAM)