Kornwestheim macht den Aufschlag - Interview mit dem Integrationsbeauftragten Kadir Koyutürk zur ersten Interkulturellen Woche in Kornwestheim

 

Herr Koyutürk, die Interkulturelle Woche fand im vergangenen Jahr in Kornwestheim zum ersten Mal statt. Wie war die Resonanz?

Wir sind sehr zufrieden! Es gab definitiv keine Veranstaltung, die nicht auf Interesse stieß. Sogar die Auftaktveranstaltung, die am 24. September stattfand und daher mit der Bundestagswahl kollidierte. Dass das so kommen würde, konnten wir zu Beginn der Planungen nicht wissen. Die ganze Woche war geprägt vom vertrauensvollen Umgang miteinander. Die Rückmeldungen von Besucher*innen und Akteur*innen aus den beteiligten Vereinen und Institutionen waren rundum sehr positiv. Erfreulicherweise hat auch die Presse die Veranstaltungen gut begleitet.

Welche Tipps können Sie den Kommunen geben, die erstmals eine Interkulturelle Woche (IKW) organisieren wollen?

Vor Beginn der Planungen sollten alle örtlichen Vereine, Institutionen und Organisationen zu einer Info-Veranstaltung eingeladen werden – um die Historie und Genese der IKW vorzustellen und schon erste Ideen für Veranstaltungen zusammenzutragen. Hilfreich für weitere Planungen sind regelmäßige Treffen von Vertreter*innen all der Gruppen, die sich aktiv an der Interkulturellen Woche beteiligen möchten.

Eingeplant werden sollte eine lokale Auftaktveranstaltung und das Programm sollte unbedingt Angebote für alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen enthalten. Für eine rege Teilnahme ist es wichtig, ein breites Publikum anzusprechen und ein vielfältiges Programm anzubieten. Die Termine der einzelnen Veranstaltungen sollten nicht aus dem Blick geraten, um Überlappungen zu vermeiden. Ich denke, dass die Planungen effektiver verlaufen, wenn die Akteur*innen sich bei Fragen und Problemen während der Planung an eine Ansprechperson wenden können. Bei der Öffentlichkeitsarbeit sollte darauf geachtet werden, das Programmheft graphisch attraktiv zu gestalten und die lokalen Medien rechtzeitig einzubinden. Aber: Die Tageszeitung nicht als einzige Informationsquelle im Blick haben, sondern auch soziale Netzwerke nutzen.

Worauf sollte bei der inhaltlichen Planung von Veranstaltungen noch Wert gelegt werden?

Es ist meiner Ansicht nach wichtig, aktuelle politische Themen zu behandeln. Genauso wichtig erscheint mir aber auch, diese Themen auf die lokale Ebene runterzubrechen. Die Interkulturelle Woche ist meines Erachtens ein guter Rahmen für Fachvorträge – etwa über die Situation von geflüchteten Menschen, über die Bekämpfung von Fluchtursachen oder gesellschaftliche Teilhabe von Zugewanderten. Neben dem Blick auf das große Gan-ze erscheint es mir auch sinnvoll, darauf zu schauen, wie es in der eigenen Kommune funktioniert. Der Spaßfaktor darf bei der Programmgestaltung nicht zu kurz kommen. Daher sollte das für das Gesamtkonzept zuständige Büro darauf achten, dass das Programm insgesamt eine gute Mischung aus politischen und unterhaltenden Inhalten ergibt und dass die Termine entsprechend gelegt werden. Eine hochpolitische Veranstaltung für Freitagabend einzuplanen erscheint nicht sinnvoll, erfahrungsgemäß lockt zum Wochenausklang etwas Unterhaltsames die Leute eher aus dem Haus.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, Jugendliche im Rahmen der Interkulturellen Woche anzusprechen?

Wir haben Kontakt zu Jugendorganisationen und zu Schulleitungen aufgenommen, über unser Vorhaben informiert und Angebote für Kooperationen gemacht. Neben Lesungen in Schulen gab es auch Filmvorführungen im Jugendzentrum. Uns war es wichtig, Anregungen zu geben, aber nicht mit konkreten Vorschlägen für Angebote in die Gespräche zu gehen. Es kann ja auch ein gutes Projekt für die Schule oder auch in der Jugendarbeit sein, wenn Jugendliche und Pädagogen*innen gemeinsam Ideen aushecken für die Beteiligung an der IKW und diese auch umsetzen. Maxime sollte daher sein, Jugendliche in die Planungen einzubinden, um sie dann mit dem Angebot ansprechen zu können.

Wo und wie können Kommunen, Kirchen und Religionsgemeinschaften gut für die und in der Interkulturellen Woche zusammenwirken?

In Kornwestheim haben wir das hinbekommen, indem alle in unserer Stadt vertretenen Religionen und Konfessionen bei der Auftaktveranstaltung eine interreligiöse Feierstunde abgehalten haben. Eine Erfahrung aus der ersten IKW ist für mich, dass wir Formate und Angebote brauchen, die all jene aus dem Haus locken, die sonst nicht kommen. Kirchengemeinden könnten beispielsweise in Kooperation mit anderen Glaubensgemeinschaften Kirchenführungen für deren Mitglieder anbieten und auch Gesprächsrunden, die mehr als Kuscheldialog sind. Die Kommune wiederum kann die Interkulturelle Woche in der Weise unterstützen, dass sie Orte für Begegnungen und Austausch zur Verfügung stellt.

Wirkt die Interkulturelle Woche zurück in die Stadtgesellschaft und in die politischen Strukturen? Wie ist die Akzeptanz bspw. bei den Stadträt*innen etc.?

Bevor wir die Interkulturelle Woche planen konnten, bedurfte es der Zustimmung aus der Politik. Der Ausschuss für Soziales und Integration hat in einer seiner Sitzungen diskutiert und der Durchführung mit großer Mehrheit zugestimmt. An der Auftaktveranstaltung beteiligten sich denn auch zahlreiche Stadträtinnen und Stadträte. Das ist ein wichtiges Signal an die Bürger*innen.

Es ist uns gelungen, viele Vereine, Institutionen und Gruppen zu mobilisieren. Das Programm hat gezeigt, wie vielschichtig die Zusammenarbeit zwischen und mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen sein kann, was in Kornwestheim schon erreicht wurde und was noch so alles möglich ist. Wünschenswert ist, dass Vertreter der Stadtpolitik die einzelnen Veranstaltungen besuchen. Das ist nicht nur eine freundliche Geste an die Akteur*innen der Interkulturellen Woche, sondern auch ein wichtiges Signal an die Bürger*innen.

Wie sehen Sie die Perspektiven für die Interkulturelle Woche in Ihrer Kommune?

Die Interkulturelle Woche schafft einen Rahmen dafür, dass sich die Bürgerinnen und Bürger von Kornwestheim begegnen und austauschen können. Wir möchten daher die IKW fortführen. Damit die Akteur*innen aus den sich beteiligenden Vereinen und Gruppen mehr in Kontakt kommen, sind wir auf die Idee gekommen, schwäbisch-traditionelle Vereine mit Migrantenselbstorganisationen zu matchen und zum Organisieren von gemeinsamen Veranstaltungen zu ermuntern. So kämen nicht nur die Akteur*innen aus der Mehrheitsgesellschaft und aus den Migrantencommunities zusammen, sondern sie würden Menschen aus der jeweiligen Community als Besucher akquirieren.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Kategorie: 
Weitere Informationen:


© Gemeinde Kornwestheim

Infos zu Kadir Koyutürk: 
Der 35-Jährige ist der erste Integrationsbeauftragte von Kornwestheim, einer Gemeinde mit rund 33.000 Einwohner*innen, von denen etwa Zweifünftel einen Migrationskontext hat. Koyutürk trat sein Amt im April 2016 an. Zuvor war er sieben Jahre Geschäftsführer einer gemeinnützigen Zivilgesellschaft in Stuttgart. Er schloss 2009 in Esslingen am Neckar sein Diplom-Studium im Ingenieurwesen ab.