Letzte Zuflucht Kirchenasyl - Beispiele aus der Kirchenasylbewegung in der Evangelischen Kirche von Westfalen

 
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Ahmed A.

Als die Pfarrerin die Türe öffnet, steht ein verängstigter junger Mann, ein Kurde aus dem Irak, vor ihr. Sie kennt ihn, er war in der Nachbarschaft untergebracht und hat bei Gemeindeveranstaltungen geholfen. Er blutet und ist offensichtlich am Kopf verletzt.

Ahmed A. (Name geändert) war in Panik aus dem Polizeiwagen gesprungen, als dieser ihn zu einem Termin in der Ausländerbehörde bringen wollte. Tags zuvor war seine Abschiebung gescheitert, er war in den Wald geflohen.

Er hätte nach Bulgarien abgeschoben werden sollen, wie es die Dublin III-Verordnung vorsieht. Aber dorthin will er auf keinen Fall, lieber will er sterben. Er ist traumatisiert von der Gewalt, die ihm dort angetan wurde. Er war drei Tage ohne Essen in einem Keller gefangen gehalten und immer wieder mit Schlägen und Elektroschockern traktiert worden. Später musste er sich eine Zelle mit 30 anderen Flüchtlingen teilen. Die Gefahr, nach Bulgarien abgeschoben zu werden, löst in ihm Panik und Suizidgedanken aus.

Die Pfarrerin tut das Nächstliegende: Sie nimmt den jungen Mann im Pfarrhaus auf und kontaktiert den Beauftragten der Westfälischen Landeskirche für Flüchtlingsarbeit. Was ist jetzt zu tun? Es steht die Frage nach Kirchenasyl im Raum.

Die Landeskirche hat ein Rundschreiben zum Umgang mit Kirchenasylen veröffentlicht, das alle Schritte beschreibt, die nun zu gehen sind: Das Presbyterium (Kirchenvorstand) muss das Kirchenasyl beschließen, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Ausländerbehörde und das Sozialamt sowie die Kirchenleitung müssen informiert, ein Dossier, eine Darstellung der Härten des Einzelfalls, muss erstellt werden. So ist es zwischen dem BAMF und den Kirchen in Deutschland vereinbart.

Die kleine Kirchengemeinde im Ostwestfälischen hat eigentlich keinen Platz, um Menschen für längere Zeit unterzubringen. Es bleibt nur das Pfarrhaus. Ahmed A. findet nun Schutz im Pfarrhaus und in der Pfarrfamilie. Dann der Schock: die Ausländerbehörde teilt mit, Herr A. ist als »flüchtig« eingestuft – die Überstellungsfrist ist auf 18 Monate verlängert. Wie soll das gehen? Die Pfarrerin bleibt kämpferisch: Sie will gegen die Entscheidung vorgehen. Sie schreibt ein Dossier und hofft auf den Selbsteintritt. Aber das BAMF lehnt ab, mit einer Mail, die nur aus Textbausteinen besteht: »Keine systemischen Mängel in Bulgarien«, »Ein Einzelfall, der sich nicht wiederholen wird«. Wieder eine Sackgasse. Doch dann geht alles ganz schnell: das Verwaltungsgericht hat auf Betreiben des Anwalts seinen Beschluss geändert und nun doch dem Eilantrag stattgegeben. Ahmed A. darf nicht abgeschoben werden. Das Kirchenasyl war kürzer als gedacht – und erfolgreich. Was hätte Herr A. davon gehabt, noch Recht zu bekommen, wenn er schon längst wieder in Bulgarien, gewesen wäre?

Tesfit T.

Tesfit T. aus Eritrea (Name geändert) war auf dem besten Wege der Integration. Er war als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling ins östliche Ruhrgebiet gekommen. Er nahm an der Ausbildungsvorbereitungsklasse des Berufskollegs teil, bestand die Sprachprüfung und war schon als Dolmetscher tätig. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Caritas unterstützte ihn. Dann wurde er volljährig – und sein Asylantrag als unzulässig abgelehnt: Er sollte zurück nach Italien. Die Hoffnung war, dass die Überstellungsfrist verstreicht. Er begann die nächste Klasse am Berufskolleg, um den Hauptschulabschluss zu machen. Ein Praktikum als Tischler war vereinbart. Aber die Angst bleibt und wird zu Panik. Er muss miterleben, dass sich in seiner Unterkunft ein Flüchtling aus Eritrea das Leben nimmt, aus Angst vor der Abschiebung nach Italien. Dann, in einer Nacht- und Nebel-Aktion, wird er abgeschoben, landet in Mailand. Dort kümmert sich niemand um ihn. Er hört von Polizei und Behörden nur: »Go!«. Er lebt auf der Straße, immer in Angst, überfallen und ausgeraubt zu werden.

Er sieht keinen anderen Weg, als nach Deutschland zurückzukehren. Eines Tages ist er wieder da. Er hat sich durchgeschlagen und ist in der Nähe seiner ersten zentralen Unterbringungseinrichtung, wo seine Integration begann. Er meldet sich bei der einzigen Vertrauensperson, die er hat: Der ehrenamtlichen Helferin der Caritas. Sie ist ratlos. Wie kann sie ihm helfen? Er ist doch nun illegal in Deutschland. Sie wendet sich an die Evangelische Kirchengemeinde in der Stadt. Sie weiß, diese hat schon einmal ein Kirchenasyl durchgeführt. Das Presbyterium lässt sich Tesfits Geschichte erzählen. Zunächst herrscht Unklarheit: Welche Regeln gelten bei »Dublin-Rückkehrern«? Ist das Kirchenasyl überhaupt notwendig? Normalerweise muss ein Asylfolgeantrag gestellt werden. Aber schnell wird klar: Tesfit braucht jetzt einen Schutzraum, um sich nach einer mehr als dreijährigen Odyssee nach und in Europa zu erholen. Darum gewährt ihm die Kirchengemeinde Kirchenasyl. Mit dem Beauftragten der Landeskirche wird vereinbart, dass dem BAMF die Leidensgeschichte des jungen Mannes in einem Dossier dargelegt werden soll. Tesfit wird im Gemeindehaus untergebracht. Ein Unterstützer*innenkreis begleitet ihn, besorgt die Dinge des täglichen Bedarfs, sorgt für Ansprache. Zwei Monate später kommt die erlösende Mail: Das BAMF hat den Selbsteintritt aus humanitären Gründen erklärt. Nun endlich kann er seine Asylgründe darlegen und hat gute Aussichten auf Flüchtlingsschutz in Deutschland. 

 
Materialheft:
Gliederung 2018
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Autor:
Pfarrer Helge Hohmann
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Pfarrer Helge Hohmann ist Beauftragter für Zuwanderungsarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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