Womöglich glauben die Menschen, dass ich als Moslem die christlichen Werte wenig vertreten kann. - Ein Gespräche zwischen Levent Ensan und Lea-Friederike Neubert

 
Levent Ensan ist Geschäftsbereichsleiter der Jugendhilfe Oberbayern. Lea-Friederike Neubert arbeitet in der Stabsstelle Interkulturelle Orientierung und Öffnung, Diakonie Deutschland.
© Jugendhilfe Oberbayern

Herr Ensan, Sie haben sich als ausgebildeter Sozialarbeiter mit »nicht-christlichem« Background für eine Tätigkeit bei einem evangelischen Träger entschieden. Was waren hierfür die Gründe?

Es kamen mehrere Gründe zusammen. Zum einen kannte ich das Diakonische Werk Rosenheim e.V. als großen Vertreter der Jugendhilfe, vor allem in München. Während meiner letzten Anstellung als Migrationsberater habe ich Infos über mehrere Träger eingeholt. Ich fand es im positiven Sinne überraschend, dass in den Stellenausschreibungen stand, der Träger stelle Menschen mit unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft, Kirchenzugehörigkeit, sexueller Identität usw. ein.

Als die Diakonie dann 2014 zu Beginn der großen »Flüchtlingswelle« Sozialarbeitende für die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gesucht hat, wollte ich das unbedingt unterstützen und habe mich schließlich beworben. Nach dem Bewerbungsgespräch war ich endgültig überzeugt. Im Mittelpunkt standen die vom Träger betreuten jungen Menschen und die Diakonie stellte sich als sehr innovativ, selbstbewusst und offen dar.

Nun muss ich dazu sagen, dass ich mich nach meinem Masterstudium in »Friedens- und Konfliktforschung« bei mehreren christlichen Trägern und Organisationen beworben habe, weil sie in der Jugendhilfe-Szene wie Entwicklungszusammenarbeit sehr gut vertreten sind und gute Jobangebote haben. Ich wurde mehrmals aufgrund meines religiösen Backgrounds abgelehnt. Dies frustrierte mich, weil die Religion wohl wichtiger zu sein schien als die Fachlichkeit, Ausbildung und Persönlichkeit. Womöglich glauben die Menschen, dass ich als Moslem die christlichen Werte wenig vertreten kann. Aber die Menschen haben in diesen Arbeitsbereichen selten die Aufgabe des Missionierens – es wird von ihnen erwartet, dass sie die christlichen Grundwerte vertreten. Und ich denke, da wäre es wichtig, eine Werte-Diskussion zu führen, weil ich davon überzeugt bin, dass sich die Grundwerte der großen Religionen nicht unterscheiden. In meiner privaten Zeit reise ich viel, vor allem auch in sehr christlich geprägte Länder. Während eines Praktikums in Kenia habe ich z. B. drei Monate bei einem Priester gelebt. Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Glaube, Hoffnung, Zuversicht, Liebe: Je mehr ich reise, umso mehr stelle ich fest, dass das allgemeingültige Werte sind, die in meinen Augen das Menschsein ausmachen.

Herr Ensan, Sie verantworten jetzt als Geschäftsbereichsleiter mehrere Einrichtungen im Bereich der stationären Hilfen. Hat sich dadurch Ihre Grundhaltung gegenüber dem Träger verstärkt?

Wie schon angedeutet, möchte der Träger bei den Mitarbeitenden das Abbild unserer Gesellschaft darstellen. Mein Vorstand hat das einmal mit der Bahn verglichen: Wenn ein Zug am Münchner Bahnhof einfährt und die Menschen aussteigen, dann sind dies unterschiedliche Personen. Das zeigt sich nicht nur unter den Fachkräften, sondern auch unter Einrichtungsleitungen und auf der oberen Leitungsebene. Mein religiöser wie kultureller Background war hier niemals Thema. Mir wurde mit diesen Beförderungen immer signalisiert, dass meine Fachlichkeit im Vordergrund steht. Und das schätze ich sehr.

Was war für Sie die größte Herausforderung als Geschäftsbereichsleiter?

Wir haben zwischen 2014 und 2017 im Auftrag vom Stadtjugendamt München in Zusammenarbeit mit anderen freien Trägern Tausende von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen pädagogisch in Erstaufnahmeeinrichtungen betreut. Es wurde nicht lange überlegt, kurzfristige Lösungen der Unterbringung und Versorgung mussten her. Allein bei unserem Träger arbeiteten in diesem Bereich zu Höchstzeiten knapp 200 Fachkräfte. Trotz der vielen Herausforderungen und teilweise sehr anstrengenden Situationen war die Zusammenarbeit zwischen den Trägern und den Mitarbeitenden bewundernswert. Alle hatten ein Ziel: dafür sorgen, dass es den jungen Menschen gut ging. Der Aufbau des Bereichs war zwar eine große Herausforderung, aber in meinen Augen ist der Abbau viel schwieriger gewesen. 2016 ging die Zahl der neu ankommenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge rapide zurück. Es wurden wegen des neuen Gesetzes zu deren Unterbringung und Versorgung zum 1.11.2015 viel weniger junge Menschen in München in Obhut genommen. Das bedeutete, dass wir diesen Bereich wieder fast komplett runterfahren mussten. Als Träger haben wir versucht, einem Sozialplan entgegenzuwirken und konnten glücklicherweise vielen der Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Bereich tätig waren, neue Angebote machen. Andere Verträge mussten projektbedingt beendet werden. Diese Personalentscheidungen, die damit verbundenen Gespräche und das Management waren für mich die größte Herausforderung. 

Das Diakonische Werk Rosenheim e.V. ist auch bekannt für seine provozierenden Auftritte. Ich kann mich an den letzten Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Düsseldorf erinnern. Hier waren auf riesigen Plakaten geflüchtete Menschen abgebildet, der große Stand war umgeben von echtem Zaun. Von vielen gab es Lob, andere dagegen waren entsetzt. Wieso machen Sie das als Träger und was möchten Sie damit bewirken?

Mit der Aktion beim Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag wollten wir signalisieren, dass es enorm wichtig ist, ausgegrenzte und bedürftige Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wir wollten nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren, sondern erreichen, dass die Menschen in Kontakt kommen, um sich auszutauschen. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

Es gibt Menschen, die finden toll, was wir machen. Andere empören sich über unseren Stand. Manche kommen mit ihren eigenen positiven wie negativen Geschichten und Erfahrungen und möchten ebenfalls gehört werden. Und dann gibt es Menschen, die um ihre eigene Existenz fürchten. Unser Stand bringt all diese Menschen zusammen: dort treffen sie und ihre Ansichten aufeinander. Wir können nur Lösungen schaffen, wenn wir uns gegenseitig verstehen. Und das kann ohne Austausch nicht passieren.

Sie sagen, dass der Träger mehrere Tausend junge Geflüchtete betreut hat. Was glauben Sie, Herr Ensan, was bei der Integration der jungen Menschen beachtet werden sollte und was die Jugendhilfe hier leisten kann?

Der Paragraf 42 der Kinder- und Jugendhilfe besagt u.a., dass ein Minderjähriger in Obhut genommen werden muss, wenn er ohne Eltern oder andere Erziehungsberechtigte nach Deutschland einreist. Das haben wir in dieser »Flüchtlingswelle« gemacht. Die Aufgabe der Inobhutnahme ist im Gesetz klar geregelt. Innerhalb von drei Monaten soll eine »Soziale Diagnose« mit einer Empfehlung erstellt werden, welche Maßnahme und Einrichtung für die Erziehung und Persönlichkeitsentwick-lung des jungen Menschen notwendig ist. Der Schutz, die Abklärung der aktuellen Situation und die physische wie psychische Grundversorgung stehen hier im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit.

Die ersten Monate nach der Einreise ist die mitunter prägendste Zeit bei der Integration der jungen Menschen. Sie werden mit einer komplett neuen Kultur und neuen Sprache konfrontiert. Sie müssen lernen, in einem neuen Land mit den ganzen Regeln und oft unbekannten Gesetzen zurechtzukommen. Sie  brauchen primär Orientierung und Stabilität. Viele sind zunächst auf klare Rahmen und Handlungsanweisungen angewiesen und finden dies gut. Nicht unterschätzen darf man hierbei den interkulturellen Aspekt. Die meisten kommen aus Kulturen, in denen Hierarchie und gleichzeitig Kollektivismus eine große Rolle spielen. Die einen kommen eher schneller und besser, die anderen eher weniger mit der neuen Kultur klar. Wichtig ist deshalb, diesen Anpassungsprozess so individuell, so sensibel und so unterstützend zu gestalten, wie irgend möglich ist. Wichtig ist, dass man den Fokus nicht nur auf die Probleme eines jungen Menschen richtet, sondern vor allem auf seine Stärken.

Um dieser Thematik so schnell und nutzbringend wie möglich zu begegnen, haben wir Fortbildungen für die Kolleg*innen konzipiert, die den Einstieg in diesen Arbeitsbereich erleichtern. »Ankommen in Deutschland«, »Pädagogische Arbeit mit umF« und »Interkulturelle Kompetenz« sind nur einige von den wichtigen Angeboten, die den Fachkräften und den jungen Menschen und nicht zuletzt auch einer gelingenden Integration den gemeinsamen Weg ebnen können.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
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Levent Ensan ist Geschäftsbereichsleiter der Diakonie – Jugendhilfe Oberbayern
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Lea-Friederike Neubert arbeitet in der Stabsstelle Interkulturelle Orientierung und Öffnung der Diakonie Deutschland
Foto: © Hermann Bredenhort

Kontakt:

Levent Ensan: levent.ensan@jh-obb.de

Lea-Friederike Neubert: lea-friederike.neubert@diakonie.de