Eine christlich-muslimische Pilgerwanderung mit dem Schwerpunkt "Vielfalt – das wesentliche Merkmal der Natur"

 
Eine nicht alltägliche Aktion in Bad-Kreuznach bereits vor dem offiziellen Start der IKW 2018
© www.flickr.com/Hans-Jakob Weinz

Schon vor dem offiziellen Start der diesjährigen Interkulturellen Woche fand am 1. September 2018 bei Bad Kreuznach eine nicht alltägliche Aktion statt: Eine christlich-muslimische Pilgerwanderung. Ein Erfahrungsbericht von Gemeindereferent Bernhard Dax:

Was bewegt mich zum Pilgern? Was kann ich loslassen, um aufbrechen zu können? Wie kann ich den Weg und die Natur mit allen Sinnen erleben? Antworten lagen auf unserem Weg. Eine besondere Station auf dem 137 Kilometer langen Hildegard-Pilgerweg von Idar-Oberstein nach Bingen ist das Mitmach-Naturmuseum in Staudernheim, das wir als Startpunkt wählten. 23 Personen, darunter vier Muslime, zehn evangelische und neun katholische Christen im Alter von neun bis 77 Jahren, machten sich gemeinsam auf den Weg.

Die Heilige Hildegard von Bingen war nicht nur Theologin und Visionärin, sondern war ihrer Zeit im 11. Jahrhundert in der Natur- und Heilkunde weit voraus. Die Natur ist unser gemeinsamer Lebensraum, ganz egal welche Religion oder Weltanschauung wir vertreten. Wir wissen heute zwar viel mehr über die Natur als Hildegard damals, verstehen aber scheinbar immer weniger von den Kreisläufen des Lebens. Immer mehr Menschen spüren, dass ihre Distanz gegenüber dem Lebendigen um sie herum zunimmt. Was können wir heute von der Natur und den „alten“ Weisheiten der Heiligen Hildegard lernen?
Der erste Halt war am Moosgarten mit 23 Moossorten in 23 verschiedenen Grüntönen, woraus wir alle schnell ablesen konnten, dass Vielfalt das wesentliche Merkmal der Natur ist. Alles in der Natur ist durch zyklische Kreisläufe und in harmonischem Gleichgewicht miteinander verbunden. Danach ging es weiter zur senkrecht aufsteigenden Sandsteinwand, die sich hoch über das Gelände erhebt. Diese Kulisse lud uns alle ein, über die Bedeutung des Berges nachzusinnen. Der Berg gilt in vielen Religionen als besonderer Ort der Nähe Gottes. Moses soll auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten empfangen haben. Aus dem Neuen Testament kennen wir die berühmte Bergpredigt Jesu. Der Tempelberg in Jerusalem hat für Juden, Christen und Muslime eine herausragende Bedeutung. Am dritten Haltepunkt drehen wir uns einfach nur um und stellen staunend fest: Natur ist unser Lebensraum und schenkt Leben, Geborgenheit, Schatten, saubere und sauerstoffreiche Luft. Natur ist Ort der Gotteserfahrung und viel größer als wir Menschen.

Die Hl. Hildegard muss jede Gelegenheit genutzt haben, die Natur und die heilende Wirkung der Elemente und besonders von Pflanzen aufmerksam zu beobachten und zu erforschen. Mit geschlossenen Augen lauschten wir Geräuschen und Unterschieden zwischen denen von Menschen und denen der Natur. Leben braucht notwendig Phasen der Ruhe und Entspannung, und wir erfuhren, dass es kaum noch Orte auf unserer Erde gibt, an denen absolute Stille herrscht. In der „Halle aus Efeu“ lernten wir, dass „totes Holz“ im Wald die Grundlage für neues Leben ist. Absterbende Bäume und Blätter bilden den Nährboden für Millionen von Mikroorganismen und Kleintieren. Leben und Tod gehören zusammen, wie der Tag und die Nacht. Wir hörten von der symbolischen Bedeutung einiger Pflanzen: Efeu ist beständig, er zeigt sich stets im grünen Blätterkleid, erklimmt Mauern und wandert die Baumstämme entlang in luftige Höhen – er will umarmen und hüllt alles liebevoll in wundervolles Grün. So wurde er im Volksglauben schnell zum Symbol für Liebe, Treue und Freundschaft. So wie die Rose in der islamischen Tradition als Symbol für die Ewigkeit steht, ist es der Efeu in der christlichen Tradition.

Abgerundet wurde unsere Führung mit dem Song Peace Train von Cat Stevens, der 1977 zum Islam konvertierte und sich seit 1978 Yusuf Islam nennt:  … irgendetwas Positives ist in Gang gekommen.
Jetzt kann ich endlich lächeln, wenn ich von einer vereinten Welt träume, weil ich fest daran glaube, dass es eines Tages so kommt. Denn draußen, am Rande der Finsternis, fährt ein Friedenszug. …Jeder soll auf diesen Zug aufspringen. … Kommt und teilt die neue Lebensweise, es dauert gar nicht mehr lang. … Jetzt war ich doch wieder traurig angesichts der Welt, wie sie ist: Warum müssen wir hassen und hassen statt glücklich zusammenzuleben?“

Auf dem anschließenden Weg zum Disibodenberg klangen diese Worte noch lange in uns nach und wir schlossen unseren Pilgerweg mit einem gemeinsamen Gebet in der Ruine der Nikolauskirche: „Gott, verbinde und vereinige unsere Herzen, bringe alle Seelen miteinander in Einklang und berühre uns mit deiner Liebe.“