Die Solinger Superintendentin Ilka Werner zu '25 Jahre Brandanschlag Solingen': "Vertrauen und Vertrautheit sind gewachsen"

 

28.05.2018, EKIR: Am 29. Mai 1993 brannten fremdenfeindliche Jugendliche das Haus der türkischen Familie Genç in Solingen nieder. Fünf Menschen starben. Über ihre Gedanken 25 Jahre nach dem Anschlag und die Verantwortung der Kirche spricht die Solinger Superintendentin im Interview.
 

Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute an den 29. Mai 1993 denken?

Ich habe damals in Hünxe gewohnt, war also in Solingen gar nicht dabei. Bleibender Eindruck ist die Erinnerung an das Bild des ausgebrannten Hauses der Gençs in den Medien. Was ich inzwischen im Ohr habe, sind die Namen der Getöteten, aber auch die Erzählungen der Solinger Anwohner über die Angst der Tage danach, als auswärtige Gruppen in der Stadt randalierten. Das Entsetzen über den Anschlag und die Folgetage - beides prägt emotional. Dass Vorurteile und Beschimpfungen so ein mörderisches Ausmaß annehmen können, hatte ich nicht für möglich gehalten. Aber seitdem kann ich nicht mehr denken, dass so etwas nicht passieren kann.

Wie ist das Verhältnis zwischen Migranten und Deutschen in Solingen heute?

Es ist sehr vielschichtig. Heute gibt es ganz viel normalen und gemeinsamen Alltag, in dem Herkunft keine Rolle mehr spielt. Viele leben aber auch nebeneinander her, ohne viele Berührungspunkte. Es gibt großes Engagement für die Flüchtlinge, die ab 2015 kamen. Und es gibt auch eine Menge Vorbehalte und Ängste. Was mir auffällt: Am Verhältnis von Menschen mit Migrationsgeschichte und Alteingesessenen werden Risse der Gesellschaft sichtbar, zum Beispiel der Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg oder die aufklaffende soziale Schere. Probleme, die es sowieso gibt, werden den Migranten angelastet.

Was können evangelische Christinnen und Christen aus dem Anschlag lernen?

Es ist wichtig, Raum für die Gefühle und Geschichten aller zu schaffen. Wir dürfen dabei aber nicht die Wahrheit der einen gegen die der anderen ausspielen. Ich finde es wichtig, von den ermordeten Mädchen zu erzählen. Oder davon, dass Solingen nach dem Anschlag dem mutigen Eintreten von Mevlüde Genç für Freundschaft und gegen Hass eine Menge zu verdanken hat. Und wir müssen auch Raum geben für die Angst der Anwohner, die sich damals allein gelassen fühlten.

Ist Versöhnung möglich?

Ja, Versöhnung ist möglich. Aber: Versöhnung klappt nicht, wenn ich mir das als Projekt vornehme. Wir können etwas tun für Verständigung und etwas gegen soziale Ungerechtigkeit, das machen wir auch. Aber Versöhnung kann nicht gemacht werden, sie geschieht an uns. Im 2. Korintherbrief (5,20) heißt es: „...so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Ich glaube, so geht es: Bereit sein, sich versöhnen zu lassen.

Wo steht der interreligiöse Dialog 25 Jahre nach dem Anschlag?

Durch die langjährigen interreligiösen Kontakte sind Vertrauen und Vertrautheit gewachsen. Aus dem Interesse aneinander und der Einsicht, dass wir in dieser Gesellschaft miteinander reden müssen, ist auch ein theologisches Reflektieren entstanden, das zeigt etwa der landeskirchliche Beschluss „Für die Begegnung mit Muslimen“ vom Januar 2018. Andererseits gibt es immer wieder äußere Ereignisse, die den Dialog schwer machen. Der Anschlag vom 11. September 2001 etwa hat sehr viel Verunsicherung gebracht, ebenso das Aufkommen des IS und aktuell die Debatte um die Ditib. All das verändert Begegnung und macht sie zum Teil auch schwierig. Das kann man nicht verhehlen. Der interreligiöse Dialog funktioniert wie in einer etwas schwierigen Familienkonstellation: Man muss sich immer wieder zusammenraufen.

Zur Gedenkfeier will auch der türkische Außenminister kommen. Wie beurteilen Sie das?

Ein Vertreter der türkischen Regierung nimmt jedes Jahr teil. Zum 25. Jahrestag gibt es aber viel mehr Interesse von Politikern an der Gedenkfeier. Dass der Außenminister kommt, hat sicher damit und mit dem Wahlkampf in der Türkei zu tun. Mir ist wichtig, dass der Ton, den wir in Solingen gefunden haben, gewahrt wird: einen relativ ruhigen Stil des Gedenkens. Der 29. Mai ist kein Tag für politische Auseinandersetzung, da sind sich alle Beteiligten des Veranstalterbündnisses einig.

Fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen begegnen uns aktuell wieder vermehrt in vielen Teilen der Gesellschaft. Welche Verantwortung hat vor dem Hintergrund der Tat von Solingen die evangelische Kirche?

Grundsätzlich haben wir als Kirche teil an der Aufgabe, Spaltung und Segmentierung in der Gesellschaft entgegenzutreten. Wichtig finde ich das Eintreten für interreligiöses Vertrauen; das ist unsere vielfältige Arbeit in Gesprächskreisen, am runden Tisch, beim abrahamitischen Gastmahl, mit dem Gebet der Religionen am Gedenktag. Kirche muss ein Ort sein, wo unterschiedliche Ansichten diskutiert werden können. Und sie muss ein Ort sein, an dem leidenschaftlich gefragt wird, wie gesellschaftliches Engagement in der Nachfolge Jesu Christi heute aussehen soll. Es macht mich schon sehr nachdenklich, wenn konservative Christenmenschen mit ihrer Kirche fremdeln und sagen: „Wo kann ich denn noch hin?“ Andererseits macht es mich sehr wütend, wenn Christentum national oder gutbürgerlich vereinnahmt wird. Wir brauchen unsere Gemeinden als Orte, wo jeder Mensch sagen kann, was er denkt, aber wo es auch Widerspruch geben darf und wo deutlich wird, wie die Bibel uns zumutet, uns zu verändern. Wir können uns diese Debatten nicht ersparen.

Quelle: https://www.ekir.de/www/service/brandanschlag-solingen-30275.php