"Ich wünsche mir, dass wir die Demokratie wirklich ernst nehmen"

Jagoda Marinić leitet das Interkulturelle Zentrum in Heidelberg. Foto: Dorothee Piroelle
"Ich wünsche mir, dass wir die Demokratie wirklich ernst nehmen"
Jagoda Marinić über die Spaltung der Gesellschaft und was Politik und Zivilgesellschaft dagegen tun können
Friederike Ekol

Jagoda Marinić ist kroatisch-deutsche Schriftstellerin, Autorin, Kolumnistin, Feministin. Sie leitet das Interkulturelle Zentrum (IZ) in Heidelberg und ist eine wichtige intellektuelle Stimme in Deutschland.

Die Stimmung in der Gesellschaft ist im Integrations- und Migrationsbereich eins der zentralen Themen. Wie nehmen Sie das wahr?
Seit 2015 sehen wir, dass die Lagerbildungen begannen. Immer mehr Leute haben erzählt, dass sie mit Teilen der eigenen Familie nicht mehr am Tisch sitzen, weil die so radikal inhuman und flüchtlingsfeindlich seien. Dieses Thema hat sich mit der Corona-Pandemie fortgesetzt und verhärtet. Die Pandemie unterscheidet sich von anderen Krisen dadurch, dass 83 Millionen Menschen – also alle im Land – betroffen waren. Es gibt niemanden, der keine Haltung dazu hat, es gibt nicht den Puffer der Indifferenten, die sagen: "Ist mir egal" und durch ihre ausgleichende Gleichgültigkeit merkwürdigerweise Zusammenhalt und Befriedung stiften können. Plötzlich hat sich jeder positioniert. Und zwar dahingehend, dass der Diskurs sich noch schneller in ein Dafür oder Dagegen spaltet und es nur noch darum geht: Bist Du in meinem Team oder in dem des Gegners. Das ist zutiefst antidemokratisch, weil Demokratie Pluralismus bedeutet. Diese Zuspitzung, in Teams und in Gegnerschaft zu denken, scheint vermeintlich sportlich.

"Einerseits braucht Demokratie die Mehrheit, aber sie zeichnet sich auch durch den respektvollen Umgang mit Minderheiten aus."

Sportler reichen sich nach dem Wettkampf die Hand.
Richtig. In diesen Debatten kehrt man sich aber am Ende den Rücken zu, bricht Kontakte ab, löst Freundschaften auf. Ich halte das für eine hochgefährliche Phase, weil dieser Zustand so weit in die Gesellschaft hineinreicht und wir nicht den Puffer derjenigen haben, die es nichts anging und mit denen wir uns auf anderen Ebenen verbinden als den politischen. Und dann kommt man plötzlich wieder mit einer Rhetorik von "Wir sind mehr", was wir schon 2015 gesehen haben. Nur ist "Wir sind mehr" für eine Demokratie eine ambivalente und gefährliche Rhetorik. Einerseits braucht Demokratie die Mehrheit, ja, aber sie zeichnet sich auch durch den respektvollen Umgang mit Minderheiten aus. Das Gehabe der Mehrheit halte ich für problematisch.

Eine Corona-Demo in Nürnberg 2020: Durch die Pandemie hat die Lagerbildung in der Gesellschaft zugenommen. Foto: Markus Spiske on Unsplash

Was wünschen Sie sich für dieses Jahr?
Ich wünsche mir vor allem, dass es keine weiteren Corona-Mutanten mehr gibt, die von Belang sind (lacht). Ich wünsche mir, dass wir die Demokratie wirklich ernst nehmen. Es gibt Menschen, die sich weiterhin in einem Wunschdenken bewegen und argumentieren, dass die, die sich abspalten, nur eine geringe Prozentzahl seien und die Spaltung der Gesellschaft gar nicht so tief reiche. Damit wird die Tendenz zur Lagerbildung verharmlost und man denkt fälschlicherweise, dass demokratischer Diskurs eine Kultur des Anprangerns ist – in einem fast mittelalterlichen Sinne. Wenn ich Debatten immer so führe, dass ich zur Grundlage mache, bestimmte Dinge nicht sagen zu sollen, dann befinde ich mich nicht mehr in einem aufklärerischen Diskurs. Darum wünsche ich mir schon, dass wir wieder mehr vernunftbasiert diskutieren, streiten und auf das Anprangern als Stilmittel verzichten.

"Im Moment führen wir den Diskurs von den Rändern her und polarisieren dadurch die Mitte, die immer dünner wird."

Was können Politik und Zivilgesellschaft dagegen tun?
Wir müssen Werte haben, über die wir argumentieren, das gilt auch für das Thema Geflüchtete. Wir brauchen wieder viel mehr gemeinsame Bildung dazu, was diese Werte sind, was sie uns kosten, wie wir sie uns leisten können. Es hat schon etwas mit der kapitalistischen Erschöpfung der Bürger*innen zu tun, dass ihnen die Kapazität zur Solidarität abhandengekommen ist. Wenn wir so im Modus "Survival of the Fittest" unterwegs sind, dass selbst die Mittelschicht in einem Prekariatsgefühl lebt, dann lässt sich das, was die Bürgerlichen früher praktizierten, nämlich aus einer Wohlsituiertheit heraus eine Solidarität zu leben, immer schwerer umsetzen. Wir brauchen in der Demokratie auch eine breite und stabile Mitte, die einen Diskurs der Mäßigung führt. Im Moment führen wir den Diskurs von den Rändern her und polarisieren dadurch die Mitte, die immer dünner wird. Mein großer Wunsch und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass diese Ränder wieder dorthin kommen, wo sie hingehören: dass sie zu Teilmeinungen in einem pluralen Diskurs werden, der auf vernunftbasierten Dialogen fußt, mit humanistisch-sozialen Grundsätzen. Also eine große Stärkung der Mitte, statt sich permanent mit den Extremen zu befassen um den Preis, dass die Mitte zu einem der Pole abwandert. Das kann ich aber nur, wenn ich die Spaltungstendenzen anerkenne.

Für wie wichtig halten Sie den vielfach geforderten "Aufschrei der Mitte", mit dem auf rassistische und rechtsextreme Anschläge reagiert werden sollte?
Da haben wir wieder das Problem der Aufmerksamkeitsökonomie. Wenn ein öffentlicher Diskurs immer von den extremen Rändern her geführt wird, immer über Polarisieren und Aufschreien, dann erlahmt die Aufmerksamkeit. Grundsätzlich ist das schon richtig, aber wenn mittlerweile die falsche Wortwahl eines Politikers zum Aufschrei führt, dann werden die Leute auf diesem Ohr taub. Dann nutzt das eine kleine Gruppe, um ihre Agenda voranzutreiben, aber die große Mitte stumpft ab.

Die gesellschaftlichen Diskussionen in Deutschland werden immer polarisierender geführt.

"Wir sollten im öffentlichen Diskurs eine positive Nachrichtenkultur entwickeln."

Was muss passieren?
Wir sollten im öffentlichen Diskurs eine positive Nachrichtenkultur entwickeln. Wer sich einbringt, sollte das Gefühl haben, dass der Diskurs etwas bringt und gesellschaftlich etwas auslöst. Derzeit ist es so: Wir empören uns, etwa über die Toten im Mittelmeer oder an der Grenze zwischen Belarus und Polen, aber das Empören verebbt, als wenn ich ein Steinchen ins Wasser geworfen hätte. Ich habe kein Erfolgserlebnis für meine Solidarität, weil die Politik das inzwischen auch aussitzen kann, weil sie weiß, morgen kommt die nächste Empörung. Das hat eine kurze Halbwertszeit, es ist ja keine Friedensbewegung dahinter – das ist ein Shitstorm.

Kann eine Bewegung wie Fridays for Future ein Vorbild sein?
Leute müssen sich auch gut fühlen bei dem, was sie tun und wofür sie stehen. Dies lässt sich gut an den Fridays for Future-Bewegten beobachten und das ist ein Rezept, mit dem auch Minderheitenrechtler arbeiten müssen. Ich glaube, wir müssen ehrlicher sein, was unsere Ressourcen angeht. Auch in der Frage nach der Solidarität braucht es eine Priorisierung. Wofür geben wir wie viel Energie? Im Moment läuft das sehr individualisiert. Einzelne Stimmen bekommen sehr viel Beachtung, alle reden über ihre Agenda - aber bringt uns das als Bundesrepublik im Diskurs so viel weiter, wenn wir uns immer an dem festhalten, was gerade medial durchs Land gejagt wird? Oder muss man nicht doch mal wieder drei oder vier Ziele entwickeln, die man auch als Bewegungen formieren kann, wo die Bundesregierung auch weiß, diese Bewegung ist morgen nicht wieder weg von der Agenda, weil wieder etwas Neues ansteht. Ich glaube, das haben viele ein bisschen verlernt. Wir Demokratinnen und Demokraten haben zum Beispiel mittlerweile alle akzeptiert, dass das Asylrecht ausgehöhlt wurde. Viele haben sich anfangs gewehrt, nur wenige wehren sich immer noch. Aber wir haben eins der härtesten Asylgesetze der deutschen Geschichte. Die Engagierten resignieren.

"Wir schauen jetzt auch danach, was ein Mensch mitbringt und was er in die Kommune einbringen kann und will."

Weil es irgendwann auch so komplex wurde, dass es für Nicht-Expert*innen nicht mehr verständlich ist? Dazu kommt noch der europäische Rahmen.
Ja. Das ist auch ein wichtiger Punkt für deutsche Kommunen: Man hat Migration immer als Defizit gedacht. Das heißt, der Migrant kommt, er kann etwas nicht, und die Maßnahme besteht darin, ihm etwas beizubringen. Er ist der defizitäre Neu-Bürger, nicht jemand, der Neues einbringen wird in die Bürgergesellschaft. Mit dem Interkulturellen Zentrum hat in Heidelberg ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Wir schauen jetzt auch danach, was ein Mensch mitbringt und was er in die Kommune einbringen kann und will. Das hat bei vielen Eingewanderten einen "Wow"-Effekt erzeugt. Hier bin ich jemand, der etwas einbringen kann, hier werde ich als fähiger Mensch gezeigt. Einmal hat jemand zu mir gesagt: Er habe bis dahin in Deutschland oft das Gefühl gehabt, man wolle ihm die Beine abhacken, damit man ihm Krücken geben könne. Und dann habe ich verstanden, dass die Leute ihre Selbstwirksamkeit spüren wollen. Und unser Job ist es, positive Konzepte in eine Stadtgesellschaft einzubringen, damit die Menschen das schaffen.

Wie verändert das die Debatte in der Gesellschaft?
Die Kritik an Missständen bekommt dadurch einen anderen Resonanzboden. Denn sie findet in einer Gesellschaft statt, die zunächst einmal eine positive Grundstimmung hat. Man sieht sich die Mängel an und sagt: "Hier müssen wir besser werden." Aber es gibt eine Verbindung, die auf dem Positiven beruht. Im Moment haben wir diese positive Grundstimmung leider nicht. Uns ist das Bewusstsein abhandengekommen, dass wir ein zivilisiertes und immer noch ziemlich reiches Land sind, das seine Lebensbedingungen gestalten und global Verantwortung übernehmen kann. Zu diesem Selbstbewusstsein zurückzufinden und zu der damit verbundenen Ruhe und Handlungsfähigkeit, weg von dem Shitstorm – das ist die Aufgabe. Vielleicht können wir uns jetzt wieder den Inhalten zuwenden und Ziele formulieren, um wichtige institutionelle Änderungen anzustoßen. Wofür ich der Stadt Heidelberg auch wirklich dankbar bin: Dass sie etwas für alle institutionalisiert hat, was eigentlich nur als Zuschussprojekt für einige gedacht war.

Warum das Interkulturelle Zentrum in Heidelberg eine wichtige Einrichtung ist, welche Hürden Jagoda Mariniç bei dessen Gründung überwinden musste und was sie vom diesjährigen IKW-Motto #offengeht hält, das lesen Sie im Materialheft zur Interkulturellen Woche 2022. Das Heft kann hier bestellt werden.

 

Weitere Informationen

Friederike Ekol
Foto: ÖVA / Nils Bornemann

Friederike Ekol ist Politologin und Geschäftsführerin des Ökumenischen Vorbereitungsausschusses zur Interkulturellen Woche.

Kontakt: info@interkulturellewoche.de