Altersarmut betrifft viele türkische Gastarbeiter

Altersarmut betrifft viele türkische Gastarbeiter

65 Jahre Anwerbeabkommen: Rentner mit türkischer Staatsangehörigkeit erhalten weniger gesetzliche Rente und sind häufiger von Altersarmut betroffen
Viele Gastarbeiter der ersten Generation lebten in beengten Verhältnissen, wie hier 1968 in Düsseldorf.
Sara Miranda Gutiérrez und Carsten Wolf

Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. In der Folge kamen bis zum Anwerbestopp 1973 etwa 870.000 sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei nach Westdeutschland.1

65 Jahre später leben türkeistämmige Rentner heute vergleichsweise oft in Altersarmut – einige von ihnen sind ehemalige Gastarbeiter. Sie erhalten im Schnitt 360 Euro weniger gesetzliche Rente im Monat als deutsche Rentenempfänger, und bekommen dreimal so oft Grundsicherung im Alter. Das Armutsrisiko ist bei Rentnern aus Gastarbeiterstaaten fast doppelt so hoch wie bei deutschen Rentnern.

Niedrigere Renten für türkische Staatsbürger

  • Rentenempfänger mit türkischer Staatsangehörigkeit erhalten in Deutschland im Schnitt etwa 360 Euro weniger gesetzliche Rente als deutsche Rentenempfänger: Ende 2025 waren es 890 Euro im Vergleich zu 1.250 Euro pro Monat, so eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversicherung für den Mediendienst.2
  • Besonders betroffen sind Frauen, die knapp über die Hälfte der türkeistämmigen Rentenempfänger*innen ausmachen. Ihre Rente liegt etwa ein Drittel unter der von deutschen Rentenempfängerinnen (687 Euro im Vergleich zu 1.046 Euro).3
  • Insgesamt beziehen rund 351.000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit eine Alters- oder Erwerbsminderungsrente in Deutschland (Stand Ende 2025). Zum Teil dürfte es sich dabei um ehemalige Gastarbeiter handeln, es sind aber auch Personen enthalten, die später nach Deutschland kamen oder hier geboren wurden. Zudem erhalten rund 127.000 Personen Hinterbliebenenrenten, insgesamt sind es somit 478.000 Rentenempfänger mit türkischer Staatsangehörigkeit, fünf Jahre zuvor waren es 440.000.4

Grafik: © Mediendienst Integration 2026. Quelle: Deutsche Rentenversicherung auf Anfrage (September 2026).

  • Der Anteil von Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit, die hier Grundsicherung im Alter erhalten, ist mehr als dreimal so hoch wie bei Deutschen (9,3 zu 2,7 Prozent, Zahlen für Juni 2026).5  
  • Gastarbeiter*innen sind häufiger von Altersarmut betroffen: Laut Mikrozensus 2025 liegt die Armutsgefährdungsquote von Rentnern aus Gastarbeiterstaaten bei 31,5 Prozent – bei Rentnern ohne Migrationshintergrund sind es 17 Prozent, bei Rentnern mit Migrationshintergrund 29,3 Prozent.6
  • Im Rentenalter arbeiten Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit seltener weiter als Deutsche. Ihre Beschäftigungsquote liegt nur halb so hoch wie bei Deutschen, wie aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht (5,2 zu 10,8 Prozent).7

Zum Abkommen

Nach dem Anwerbeabkommen von 1961 kamen zahlreiche sogenannte Gastarbeiter nach Westdeutschland. Bis zum Anwerbestopp 1973 reisten 867.000 Arbeitnehmer aus der Türkei ein. Von allen türkischen Gastarbeiter*innen waren rund ein Fünftel Frauen. Einige kehrten später zurück oder pendelten. Als das nicht länger möglich war, holten viele ihre Familien nach. Im Jahr 1980 lebten rund 1,4 Millionen türkische Staatsangehörige in der Bundesrepublik.8

In den ersten Jahren nach den Anwerbeabkommen arbeiteten die meisten Gastarbeiter als gering qualifizierte Arbeitskräfte in Fabriken, wo sie schwere Arbeiten erledigten. Ein wichtiger Arbeitgeber war die Automobilindustrie. Schätzungen zufolge konnten durch die Gastarbeitermigration 2,3 Millionen deutsche Arbeiter*innen in besser bezahlte Positionen aufsteigen.9

Die Zahl für 2017 ist nur eingeschränkt vergleichbar, da sich 2016 die Stichprobenmethode des Mikrozensus geändert hat.

Grafik: © Mediendienst Integration 2026. Quelle: Statistisches Bundesamt: Ausländische Bevölkerung nach Staatsangehörigkeiten 2018-2025, Statistisches Bundesamt: Ausländerzentralregister – Ausländische Bevölkerung 1967-2021, Statistisches Bundesamt: Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2005-2019, Statistisches Bundesamt: Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2020-2025; Erstellt mit Datawrapper.

Kaum Verbesserungen in den letzten Jahren

Abgesehen von Erleichterungen bei der Einbürgerung hat es wenig Bemühungen in der Politik gegeben, die Situation der ehemaligen Gastarbeiter zu verbessern. An den finanziell oft prekären Lebensumständen habe sich nichts geändert, so der Sozialwissenschaftler Eric Seils vom gewerkschaftsnahen WSI-Institut in Düsseldorf. Der Forscher befasste sich eingehend mit dem Thema Gastarbeiter. Das Armutsrisiko bei ehemaligen Gastarbeitern sei immer noch deutlich höher.

Dass türkeistämmige Rentner seltener arbeiten, ist für den Forscher wenig überraschend. Beschäftigung über den Renteneintritt hinaus hänge davon ab, wie gut man qualifiziert sei und ob die Unternehmen Bedarf hätten. Auch gesundheitliche Einschränkungen bei älteren Menschen aus Gastarbeiterländern spielten eine Rolle, vermutlich können viele nicht mehr arbeiten. Auch die Motivation sei ein Faktor, so Seils: Sich stark mit der Arbeit identifizieren und dann im Rentenalter weiter arbeiten – das machen vor allem Höherqualifizierte.

Gründe für geringere Renten

Es gibt mehrere Gründe für die niedrigeren Renten der ehemaligen türkischen Gastarbeiter:

  • Sie haben im Schnitt weniger als ihre deutschen Kollegen verdient. Zunächst haben viele die niedrigeren Löhne noch durch Überstunden und Zulagen für Schwerstarbeit kompensiert. Später, während der Ölkrise in den 70ern, haben sie aber als Randarbeiter in den Fabriken als erste ihre Jobs verloren.10
  • Die Gastarbeiter erhielten keine Sprachkurse, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Einige verfügten über keinen Schulabschluss und es gab wenige Weiterbildungsmöglichkeiten. Dadurch waren sie oft in schlechter bezhalten Tätigkeiten angestellt. Eine Rolle spielten auch Diskriminierungserfahrungen bei der Arbeitsplatzsuche.11
  • Zudem konnten sie weniger Erwerbsjahre für die Rentenansprüche ansammeln. Das liegt zum einen daran, dass einige schon deutlich älter waren, als sie ihren ersten Job in Deutschland angetreten haben. Zum anderen waren Gastarbeiter*innen stärker vom Abbau von Arbeitsplätzen in den 1970er und 1980er Jahren betroffen und wurden zwischenzeitlich arbeitslos. Viele übten körperlich schwere Arbeit aus und sind dadurch in Frührente gegangen. All das wirkt sich heute auch auf ihr Rentenniveau aus.12
  • Eine Rolle spielt dabei auch Immobilienbesitz: Rentner*innen mit Migrationshintergrund verfügen deutlich seltener über ein Eigenheim. Sie müssen deshalb im Schnitt mehr für die Miete ausgeben.13

Schlechtere gesundheitliche Situation

Neben der schlechteren finanziellen Situation deuten Studien auch auf eine schlechtere Gesundheit ehemaliger Gastarbeiter hin: Rentner*innen mit türkischem Migrationshintergrund weisen eine schlechtere psychische Gesundheit auf und berichten häufiger von Einsamkeit, so eine Studie von 2013. Ausländer*innen aus Gastarbeiterländern schätzen ihre Gesundheit umso schlechter ein, je länger sie in Deutschland lebten und je häufiger sie Diskriminierung erfahren hatten, so eine Befragung von 2023. Insgesamt machen sich ältere Menschen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger "große Sorgen" um ihre Altersversorgung als Ältere ohne Migrationshintergrund (23 zu 14 Prozent), wie eine Befragung von 2020 zeigte.14  

Die schlechtere gesundheitliche Situation zeigt sich auch in den Renten. Türkische Rentenempfänger erhalten mehr als doppelt so oft Erwerbsminderungsrenten wie die Gesamtheit der Rentenempfänger (16,5 zu 8,4 Prozent, Stand: Ende Dezember 2025), wie aus Zahlen der Rentenversicherung für diese Recherche hervorgeht. Das sind Renten, die bei einer Arbeitsunfähigkeit ausgezahlt werden, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen oder nach Unfällen.15

Rückkehrer in die Türkei und Pendler

Viele ehemalige Gastarbeiter sind in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt oder pendeln zwischen dem Herkunftsland und Deutschland. Durch die Gastarbeiter-Migration sind enge Verbindungen zwischen der Türkei und Deutschland entstanden. Bei den vergleichsweise hohen Zuzugszahlen aus der Türkei dürfte es sich teils um zirkuläre Migration handeln, so eine Daten-Auswertung von 2025, also um Menschen, die zwischen beiden Ländern hin- und zurückwandern.16

Eine Rolle können einer Studie zufolge die niedrigeren Lebenshaltungskosten in der Türkei spielen. Mit vergleichsweise niedrigen Renten dürfte sich in der Türkei ein höherer Lebensstandard realisieren lassen. Auch wenn es keine belastbaren Zahlen dazu gibt, bieten die Zahl der Renten-Überweisungen in die Türkei einen Hinweis dafür, dass einige Rentner dauerhaft in der Türkei leben: Im Jahr 2025 wurden 85.100 Renten an Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in die Türkei gezahlt, so die Angaben der Rentenversicherung.17


1 Zahlen der Deutschen Rentenversicherung auf Anfrage des Mediendienst (September 2026), berechnet aus den Alters- und Erwerbsminderungsrenten, ohne Hinterbliebenenrenten; Deutsche Rentenversicherung (2026): 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei.

2 Zahlen der Deutschen Rentenversicherung auf Anfrage des Mediendienst (September 2026), berechnet aus den Alters- und Erwerbsminderungsrenten, ohne Hinterbliebenenrenten; Deutsche Rentenversicherung (2026): 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei.

3 Zahlen der Deutschen Rentenversicherung auf Anfrage des Mediendienst (September 2026), berechnet aus den Alters- und Erwerbsminderungsrenten, ohne Hinterbliebenenrenten.

4 Zahlen der Deutschen Rentenversicherung auf Anfrage des Mediendienst (September 2026); Statistisches Bundesamt (2026): Statistischer Bericht - Mikrozensus - Bevölkerung nach Einwanderungsgeschichte – Tabelle 12211-46. Deutschen Rentenversicherung (2026): 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei.

5 Zahlen des Statistischen Bundesamts auf Anfrage des Mediendienst Integration im Oktober 2026.

6 Statistisches Bundesamt (2026): Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2025, Tabelle 12211-66; DeZIM (2022): "Alter(n) und Migration in Deutschland"; S. 9 und 10; WSI-Report (2014): Die Gastarbeiter, S. 17; BIM (2017): "Armutsgefährdung bei Personen mit Migrationshintergrund”.

7 Bundesagentur für Arbeit (2026): Zahlen auf Anfrage des Mediendienst Integration im September 2026. Zahlen zu Personen über 65 Jahre in sozialversicherungspflichtigen und geringfügigen Beschäftigungen sowie eigene Berechnung.

8 Bundeszentrale für politische Bildung (2011): 1961: Anwerbeabkommen mit der Türkei; Bundeszentrale für politische Bildung (2014): Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen.

9 Deutschlandfunk Kultur (2021): Türkische Gastarbeiterinnen; Bundeszentrale für politische Bildung (2014): Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen; Heckmann, Friedrich (1992): Ethnische Minderheiten, zitiert in: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen: Zeitgeschichte in Hessen / Gastarbeiter.

10 vgl. Sozialforscher Eric Seils im Interview mit dem Mediendienst.

11 DeZIM (2022): "Alter(n) und Migration in Deutschland", Seite 9.

12 DeZIM (2022): "Alter(n) und Migration in Deutschland", Seite 9.

13 Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Böckler Stiftung (2014) Die Gastarbeiter - Geschichte und aktuelle soziale Lage, Seite 19.

14 European Journal of Ageing (2013): "Differences in late-life loneliness", zitiert in: DeZIM (2022): "Alter(n) und Migration in Deutschland"; Seite 13 (Seite 18 im pdf); WSI-Report (2014): Die Gastarbeiter, S. 17; Bundeszentrale für politische Bildung (2016): Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund, Seite 10; Robert Koch Insititut (2023): GEDA Fokus, "Gesundheit von Menschen mit ausgewählten Staatsangehörigkeiten in Deutschland", Seite 16.

15 Deutschen Rentenversicherung (2026): Daten auf Anfrage des Mediendienst im Oktober 2026 und eigene Berechnung; Sowie zum Vergleich: Rentenversicherung in Zahlen 2026, Seite 35.

16 IQ-Netzwerk / Minor-Kontor (2025): Aktuelle Einwanderung aus der Türkei, Seite 7.

17 Kahveci et al. (2020): "Tactical mobility: navigating mobile ageing and transnational retirement between Turkey and Germany. A comparison between Turkish-German and German retirees"; DeZIM (2022): "Alter(n) und Migration in Deutschland", S. 6; Zahlen der Deutschen Rentenversicherung auf Anfrage des Mediendienst (September 2026).

Stand der Recherche: 19.10.2026

Dieser Artikel erschien zuerst am 19.10.2026 beim Mediendienst Integration.

Weiterführende Links und Infos


In einem Gastbeitrag für die IKW erzählt Dr. Çiçek Bacik die Geschichte ihres Vaters Ibrahim, der kurz vor dem Anwerbestopp 1973 als Gastarbeiter nach Deutschland kam. Sie erklärt, warum ihre Perspektive und die ihrer Eltern ein wichtiger Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur ist – die aber bisher nicht vorkommt oder kaum ausreichend Raum einnimmt.

Kontakt

Sara Miranda Gutiérrez
Projektleitung Workshops

Telefon: +49 30 200 764 80
E-Mail: gutierrez(a)​‍mediendienst-integration.de

Sara Miranda Gutiérrez hat in Madrid moderne Sprachen und Übersetzung sowie interkulturelle Kommunikation, Übersetzung und Dolmetschen in öffentlichen Bereichen studiert. Anschließend schloss sie ihr Studium in Graz in Global Studies: Gesellschaft und Kultur ab. Beim Mediendienst leitet sie die Workshops für Journalistinnen und Journalisten.


Carsten Wolf
Redakteur Social Media

Telefon: +49 30 200 764 80
E-Mail: wolf(a)​‍mediendienst-integration.de

Carsten Wolf (vorher: Janke) studierte Kulturwissenschaften und Journalistik in Leipzig und Rio de Janeiro. Als freier Journalist schrieb er über Bildung und Migration, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk. Beim Mediendienst arbeitet er als Redakteur. Zu seinen Themen gehören vor allem Bildungs- und Arbeitsmarktthemen. Er ist der Podcasthost von "Einwanderungsland".