Wie oft erleben Juden in Deutschland Antisemitismus?

Wie oft erleben Juden in Deutschland Antisemitismus?

2026
Mediendienst Integration
Sehr oft, das zeigen aktuelle Umfragen - Viele vermeiden deswegen, jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen
Eine Studie von 2026 ergab: Seit dem 7. Oktober 2023 erfahren Jüdinnen und Juden Anfeindungen und Ausgrenzungen in vielen Bereichen, wie dem öffentlichen Nahverkehr, Schulen, Universität, dem Arbeitsplatz oder bei Arztbesuch.

Juden in Deutschland erleben regelmäßig Antisemitismus: von Beleidigungen bis hin zu physischen Angriffen. Viele vermeiden deswegen, jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen.

Befragungen zeigen: Antisemitische Anfeindungen sind für viele Jüdinnen und Juden Alltag. Viele vermeiden es deswegen, ihre jüdische Identität in der Öffentlichkeit zu zeigen. 

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) befragte im ersten Halbjahr 2023 Jüdinnen und Juden in der EU zu ihren Erfahrungen mit Antisemitismus. Für 82 Prozent der Befragten in Deutschland ist Antisemitismus ein großes Problem in ihrem Leben (EU-weit: 84 Prozent). 86 Prozent finden, dass Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zugenommen habe (EU-weit: 80 Prozent). 

Viele Befragte in Deutschland haben selbst Antisemitismus bis hin zu Übergriffen erlebt:

  • 28 Prozent fühlten sich im Jahr vor der Befragung diskriminiert, weil sie jüdisch sind (EU-weit 20 Prozent)
  • 43 Prozent gaben an, selbst Belästigung im letzten Jahr erfahren zu haben (EU-weit 37 Prozent)
  • 9 Prozent gaben an, in den letzten fünf Jahren angegriffen worden zu sein – der Wert ist höher als in vielen anderen Staaten (EU-weit 5 Prozent)
  • Zwei Drittel der Befragten erlebten Antisemitismus online (EU-weit 61 Prozent).  

Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, wegen Sicherheitsbedenken nie jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen:

Grafik: MEDIENDIENST INTEGRATION 2024. Quelle: Europäischen Union für Grundrechte (FRA) 2024: EU survey of Jewish people

Eine Hamburger Studie befragte 2023/2024 rund 550 Jüdinnen und Juden. 77 Prozent waren in den vergangenen 12 Monaten von Antisemitismus betroffen. Zwei Drittel der Befragten führten die Erlebnisse auf die Situation in Israel und Gaza zurück. Über die Hälfte berichtet von strafrechtlich relevanten Anfeindungen: 

Grafik: Mediendienst 2026. Quelle: Groß und Häfele (2024): Forschungsbericht: Jüdisches Leben und Alltag in Hamburg, S. 36

Die meisten Betroffenen geben an, die Vorfälle nicht anzuzeigen (rund 80 Prozent). Den Forschern zufolge lässt das auf ein großes Dunkelfeld schließen.  

Die Folgen: Viele Befragte geben an, ihre Religion nicht frei ausüben können und vermeiden, ihre jüdische Identität öffentlich zu zeigen. Betroffene berichten von psychischen Auswirkungen, Ängsten und sozialem Rückzug. Zu den indirekten Folgen zählen ein nachlassendes Vertrauen in öffentliche Institutionen wie Polizei, Gerichte, Stadtverwaltung und Bundesregierung – vor allem unter jüngeren Befragten.  

Mehr Anfeindungen seit dem 7. Oktober 2023

Eine qualitative Studie 2026 ergab: Seit dem 7. Oktober erfahren Jüdinnen und Juden Anfeindungen und Ausgrenzungen in vielen Bereichen, wie dem öffentlichen Nahverkehr, Schulen, Universität, dem Arbeitsplatz oder bei Arztbesuchen. Viele Befragte berichten von psychischen Problemen wie Depressionen und Schlafstörungen und einem Verlust des Vertrauens in ihr Umfeld. Viele seien verunsichert und zögen sich sozial zurück. 

Sicherheitsgefühl lässt nach

Knapp die Hälfte der jüdischen Gemeinden in Deutschland waren 2026 (Stand März) von antisemitischen Vorfällen betroffen, darunter Beleidigungen, Zuschriften, Drohanrufe und Schmierereien. Das zeigt eine Umfrage des Zentralrats der Juden in Deutschland unter Vorsitzenden jüdischer Gemeinden. 21 Prozent der Gemeinden sagen, dass aus Sicherheitsbedenken weniger Mitglieder am Gemeindeleben teilnehmen. Solidarität in der Bevölkerung sei im letzten Jahr deutlich zurückgegangen.

Das Gemeindebarometer, eine nicht-repräsentative Befragung unter mehr als 2.500 Jüdinnen und Juden des Zentralrats der Juden 2023/2024 zeigt: Das Sicherheitsgefühl unter Mitgliedern der jüdischen Gemeinden hat im Vergleich zur letzten Befragung 2019 abgenommen. 52 Prozent der befragten Mitglieder sagten, dass sie sich eher unsicher oder überhaupt nicht sicher fühlten, in ihrer Stadt als Jüdin oder Jude sichtbar zu sein. Viele trauen sich nicht mehr, auf jüdische Veranstaltungen zu gehen, drei Viertel fühlen sich seit dem 7. Oktober an ihrem Wohnort unsicherer. 

In einer größeren Befragung im Auftrag des "Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus" 2017 sagten von den befragten Jüdinnen und Juden:

  • 78 Prozent, dass Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zugenommen habe.
  • 29 Prozent, dass sie in den letzten 12 Monaten verbale Beleidigungen oder Belästigung erfahren haben, 3 Prozent berichteten von körperlichen Angriffen.
  • 43 Prozent, dass sie im letzten Jahr häufig bis sehr häufig für die Politik Israels verantwortlich gemacht wurden.
  • 70 Prozent, dass sie es im letzten Jahr vermieden haben, in der Öffentlichkeit jüdische Symbole zu tragen, 58 Prozent meiden aus Sicherheitsgründen bestimmte Stadtteile oder Orte. 

Stand: 08.10.2026

Diese Recherche erschien zuerst am 08.10.2026 beim Mediendienst Integration.

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