Gemeinsames Wort der Kirchen zur Interkulturellen Woche 2026

dafür! - so lautet das Motto der Interkulturellen Woche 2026. © ÖVA
Gemeinsames Wort der Kirchen zur Interkulturellen Woche 2026
Bischof Dr. Heiner Wilmer, Bischöfin Kirsten Fehrs und Metropolit Augoustinos von Deutschland

DAFÜR!

In unserer von vielgestaltigen Krisen gekennzeichneten Zeit fällt es oft schwer, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Die Nachrichten sind voll von Kriegen und gewaltsam ausgetragenen Machtkämpfen an vielen Orten der Welt. Zwar leben wir selbst mehr oder weniger weit von Kriegs- und Konfliktregionen entfernt, aber wir merken doch immer deutlicher, wie alles in der Welt zusammenhängt und dass wir nicht einfach wegschauen können. Nicht nur die europäische Friedensordnung, sondern auch die geopolitische Stabilität der vergangenen Jahrzehnte, die unserem Land ein Leben in Frieden und Sicherheit ermöglichten, sind immer neuen Erschütterungen ausgesetzt. Die Folgen der Krisen erreichen uns, der eigene Alltag verändert sich, täglich und deutlich spürbar. Zu unserer Gesellschaft gehören nicht wenige Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen mussten und bei uns Zuflucht gefunden haben. Wir wissen um ihren Schmerz, denn sie haben fast alles verloren und müssen neu anfangen. Und sie bangen um ihre Verwandten und Freunde, die weiterhin dort leben, wo alles zerbricht.

"Wir sind dafür, der Nächstenliebe täglich auf die Welt zu helfen."

Angesichts solcher Verschiebungen nehmen Unsicherheit, Sorge und tatsächlich auch Angst um die Zukunft immer mehr zu. Viele Menschen fragen sich: Wie wollen wir leben – wie werden wir leben? Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft, wie stabil ist unser demokratisches Staatsgefüge? In welch einem Land, in was für einer Welt werden die nächsten Generationen leben? 

Das IKW-Motto 2026 "dafür!" in vielen Sprachen
© ÖVA

In dieser Situation, in der auch die öffentlichen Debatten um große gesellschaftliche Fragen so oft von Kleinmut, Angst und einem "Dagegen" bestimmt werden, wollen wir mit der Interkulturellen Woche und ihrem Motto "Dafür!" bewusst einen positiven und hoffnungsvollen Akzent setzen. Wir sind dafür, der Nächstenliebe täglich auf die Welt zu helfen. Wir sind dafür, der Angst und Spaltung klar zu widerstehen. Wir sind dafür, in Mitmenschlichkeit zusammenzuleben – im persönlichen Lebensumfeld, in unserem Land und mit der weltweiten Menschheitsfamilie. Wir sind dafür, in einer offenen Gesellschaft zu leben, die sich für die Teilhabe aller einsetzt. Und besonders sind wir dafür da, an der Seite der Schwachen und Ungeschützten zu stehen. 

"Sei stark und mutig!"

Unser entschiedenes "Dafür!" entspringt nicht einem naiven Optimismus, der die Augen vor der Wirklichkeit verschließt. Sondern es ist Ausdruck der Hoffnung, die uns unser Glaube schenkt. In der Heiligen Schrift, der Quelle, von der wir leben, heißt es: "Sei stark und mutig! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst" (Josua 1,9). Diese biblische Botschaft nimmt uns hinein in eine Jahrtausende alte Tradition der Hoffnung und Zuversicht. Schon Generationen vor uns haben ähnliche Krisen und Ängste erlebt wie wir – und dennoch Wege in die Zukunft gefunden. Weil ihr Mut und ihre Hoffnung stärker waren als die Zerstörung; weil sie mit ihrem Lebensmotto „Dafür!“ jene Kräfte überwinden konnten, die einem gelingenden Miteinander entgegenstanden. Weil ihr Vertrauen in das Leben stärker war als jedes „Dagegen“ und zur Kraftquelle für gemeinsames Handeln wurde.

IKW-Motiv mit dem Slogan "Weil Demokratie Vielfalt braucht".
© ÖVA

"Sei stark und mutig!" In unserer Zeit, heute, rufen wir diese Hoffnungsbotschaft aus und setzen auf den Mut und die Kraft, die uns zugesprochen sind. Angesichts der prognostizierten Zustimmungswerte für völkisch-nationalistische Kräfte bei den Landtags- und Kommunalwahlen in diesem Jahr bedeutet dies zuerst, sich nicht bange machen zu lassen. Stattdessen gilt es klar und deutlich Stellung zu beziehen und auf Gefahren hinzuweisen. Tatsächlich drohen die Schwächung demokratischer Strukturen, die Erosion von Solidarität und Empathie in unserer Gesellschaft sowie die Ausgrenzung von Menschen und Menschengruppen. 

"Niemand hat das Recht, sich über eine andere Person zu erheben."

Entgegen einem solchen Szenario der gesellschaftlichen Kälte und Menschenfeindlichkeit setzen wir auf den Mut und die Kraft, die uns von Gott zugesprochen sind, um das Miteinanderleben in einer komplexen Realität zu gestalten. Deshalb ist es uns so wichtig, Räume zu schaffen und Möglichkeiten zu eröffnen, einander wirklich zu begegnen und einander zuzuhören, um gemeinsam Perspektiven des "Dafür!" zu entwickeln. Deshalb werden wir nicht müde, die Menschenwürde zu schützen, und stehen an der Seite derer, die in Not sind und Beistand nötig haben – egal, wer sie sind und woher sie kommen. "Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst", diese Zusage gilt für jeden einzelnen Menschen. Und niemand hat das Recht, sich über eine andere Person zu erheben.  

"Die Rechte schutzsuchender Menschen müssen geachtet werden."

Auf europäischer Ebene erleben wir mit der Umsetzung der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) eine Zäsur, die wir wachsam und kritisch begleiten. Die Rechte schutzsuchender Menschen müssen geachtet werden und dürfen niemals zur Disposition stehen. Deshalb erwarten wir Mitmenschlichkeit von der europäischen Politik.

IKW-Motiv mit dem Slogan "Respekt ist grenzenlos."
© ÖVA

Insbesondere angesichts neuer Regelungen, nach denen Schutzsuchende – auch Kinder – für die Dauer der Überprüfung ihres Asylantrages in haftähnlichen Zentren festgesetzt werden sollen, fragen wir: Wie geht das mit den grundlegenden menschenrechtlichen Verpflichtungen Europas zusammen? Wie passt das zum Schutz der Menschenwürde sowie zum vorrangigen Wohl des Kindes, wie sie im Völkerrecht, im europäischen Recht und in der christlichen Ethik verankert sind?

Im Blick auf die diesjährige Interkulturelle Woche, die in der Zeit vom 27. September bis 4. Oktober 2026 stattfinden wird, danken wir schon heute den Organisatorinnen und Organisatoren der vielen Tausend Initiativen und Einzelveranstaltungen an so vielen Orten. Seit mehr als 50 Jahren sorgen Menschen in ihren Städten, Kommunen und Kirchengemeinden "dafür!", dass Integration gelingen kann und gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt wird. In den letzten Jahren ist dieses zivilgesellschaftliche Engagement häufiger unter Druck geraten und zur Zielscheibe antidemokratischer Kräfte geworden. Unser großer Respekt gilt deshalb allen, die sich überall vor Ort mit Mut und Kraft für das interkulturelle Miteinander, unsere Demokratie und ein hoffnungsvolles "Dafür!" einsetzen. Möge die Interkulturelle Woche auch in diesem Jahr ein Erfolg werden und viele Menschen berühren.