"dafür!": Bundesweite Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2026

Rund 120 Teilnehmende trafen sich zur IKW-Vorbereitungstagung in der Evangelischen Akademie in Frankfurt am Main.
"dafür!": Bundesweite Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2026

Vernetzung, Diskussion und jede Menge Input für die Organisierenden der IKW

In diesem Jahr hatte der Ökumenische Vorbereitungsausschuss (ÖVA) zur Interkulturellen Woche zur Vorbereitungstagung nach Frankfurt am Main geladen. Rund 120 Teilnehmende waren am 20. und 21. Februar in die Evangelische Akademie gekommen, um sich mit aktuellen Themen zu beschäftigen, die für die IKW wichtig sind.

Johannes Brandstäter (Diakonie Deutschland/ÖVA) begrüßte die Anwesenden und erinnerte unter anderem an den Jahrestag des rassistischen Anschlags von Hanau am 19. Februar 2020. Darauf folgten drei gehaltvolle Impulse. Natalie Pawlik, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration sowie für Antirassismus betonte, wie wichtig die IKW sei beim Eintreten für eine plurale Gesellschaft. „Ich bin dafür, dass wir Haltung zeigen, wenn unsere Gesellschaft spürbar unter Druck gerät“, sagte Pawlik. 

Sie erzählte, wie sie 1999 mit ihrer Familie aus Sibirien nach Deutschland kam und wie es auch die Kirchen oder kirchliche Einrichtungen gewesen seien, die halfen, sich zurechtzufinden und die Sprache zu lernen. Regelrechte "Integrationsbooster" seien sie gewesen – "und das sind sie heute noch". 

Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef betonte die Vielfalt in seiner Stadt, in der Menschen mit den unterschiedlichsten persönlichen Hintergründen wohnen. Josef selbst kam 1987 aus Syrien nach Deutschland. "Es gibt nichts Schlimmeres als abstrakte Angst – und nichts Besseres, dagegen vorzugehen, als Begegnung", sagte Josef – und genau das leiste die Interkulturelle Woche seit 50 Jahren.

Er berichtete auch vom IKW-Konzept in seiner Stadt: In Frankfurt koordiniert jedes Jahr ein anderer Verein oder eine Initiative die Interkulturelle Woche, die Stadt unterstützt sie finanziell und organisatorisch.

Oberkirchenrätin Christina Schnepel leitet das Referat Ökumene bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und das "Zentrum Oekumene" von EKHN und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Auch sie nahm Bezug auf ihre Familienbiografie, doch ist ihre eine andere als bei ihren Vorredner:innen. Denn ihre Großelterngeneration war "tief verstrickt" in Schuld und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. "Für meine Eltern war es daher wichtig, Verantwortung zu übernehmen und eine klare Haltung daraus erwachsen zu lassen – für das Leben. Und vielleicht berührt mich darum dieses kleine Wort 'dafür' so besonders."

Die IKW ist für Schnepel "ein öffentliches Zeichen, wofür wir als Gesellschaft stehen: Für Menschenrechte, Mitgefühl, für die Wichtigkeit von Perspektivenwechseln, für Verständigungsorte, für Gerechtigkeit, Vielfalt und sozialen Frieden".

Im Anschluss stellte Nico Mokros vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld die "Mitte-Studie" vor, die ein Team von Wissenschaftler:innen im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt. Die Studien geben alle zwei Jahre Auskunft über die Verbreitung, Entwicklung und Hintergründe rechtsextremer, menschenfeindlicher und antidemokratischer Einstellungen in Deutschland. Die Ausgabe 2024/25 unter dem Titel "Die angespannte Mitte" blickt auf die Normalisierung des Rechtsextremismus und aktuelle Entwicklungen in Zeiten globaler Verunsicherungen. 

Gesine Schmidt-Schmiedbauer von der Agentur one step beyond in Wien brachte den Teilnehmenden das Konzept der "Hope-based communications" näher, das sie im deutschsprachigen Raum mitetabliert hat. Es bildete den übergeordneten Rahmen der Tagung, denn auch der IKW ist es wichtig, gerade in diesen Zeiten die positiven Geschichten der Vielfaltsgesellschaft zu erzählen.  

Schmidt-Schmiedbauer erklärte unter anderem, wie die hoffnungsbasierte Kommunikation auf Erkenntnisse aus Neurowissenschaften und Psychologie setzt, gerade im Umgang und der Verwendung von Emotionen. So ist Hoffnung zentral, um Menschen für gesellschaftliche Veränderungen zu öffnen und sie zu aktivem Handeln zu motivieren. 

In der anschließenden Arbeitsgruppenphase widmeten sich die Teilnehmenden einem Thema intensiver. Unter anderem wurde über Argumente und Strategien gegen rechtspopulistische Diskurse informiert, über die Möglichkeiten der interkulturellen Öffnung von Kommunen und Zivilgesellschaft zur Stärkung der IKW diskutiert und aktuelle Entwicklungen in der europäischen Politik rund um Flucht und Asyl behandelt.

Die Prävention von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus wurde ebenso diskutiert wie die Rolle der Kirchen angesichts gesellschaftlicher Spaltung und Potenziale kirchlicher Räume für den Zusammenhalt. Mit Blick auf "10 Jahre Sommer der Migration" im vergangenen Jahr wurde besprochen, wie Kommunen und Zivilgesellschaft aus spontanem bürgerschaftlichem Engagement nachhaltige Integrationsstrategien entwickeln können, eine weitere AG nahm Strategien für das konstruktive Gespräch in polarisierenden Zeiten in den Blick.

"Wie schaffen wir es jeden Tag aufs Neue, Brücken zu bauen statt Mauern hochzuziehen? Wie können lokale Initiativen als 'Motor der Demokratie' fungieren?" – das waren die Grundfrage der Podiumsdiskussion "Zusammenhalt vor Ort", bei der vier Gäste, moderiert von der ÖVA-Vorsitzenden Antonia Rösner diskutierten: Bischöfin Prof. Dr. Beate Hofmann von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Staatsministerin Heike Hofmann, Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales des Landes Hessen, und Dr. Rubén Martin Cárdenas Carbajal, Co-Vorsitzender der Dachorganisation der Migrant_innenselbstorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst e.V.).  

Zum Abschluss des ersten Tages präsentierte der Zeichner und Kabarettist Muhsin Omurca einen Ausschnitt aus seinem Programm. Im stimmungsvollen Panoramasaal der Evangelischen Akademie richtete er seinen satirischem Blick etwa auf die Themen Vielfalt und Integration. Omurca hat dazu nicht nur eine Meinung, sondern gleich handfeste Lösungen! Wie wäre es zum Beispiel mit "Kuscheltürken" für Neugeborene oder "Integrations-Anleitungen à la Ikea" – ganz ohne Text, klar, simpel und für alle verständlich? 

Er hat ein feines Gespür für kulturelle Unterschiede und ist stolz darauf, jetzt eingebürgert, also ein "staatlich geprüfter Deutscher" zu sein. Natürlich nicht ohne Beigeschmack: "Als ehemaliger Türke und Neudeutscher, muss ich mich jetzt auch zu meiner deutschen Vergangenheit bekennen… als hätte mir meine türkische nicht gereicht!"  

Der Tagungs-Samstag startete mit einer stimmungsvollen Morgenandacht in der Alten Nikolaikirche gegenüber der Evangelischen Akademie mit Pastor Jens Haverland von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK).

Zurück in der Akademie, stand eine Austauschbörse zu verschiedenen Themen auf dem Programm. An sieben moderierten Tischen gab es Austausch, konkrete Impulse und Anregungen für die Gestaltung der IKW 2026 vor Ort:

  1. Konflikt & Haltung: Der Nahost-Konflikt in der IKW und der Umgang damit
  2. Resilienz & Schutz: Organisierende unter Druck (Anfeindungen, Störungen, Drohungen)
  3. Nachhaltigkeit & Finanzierung: Wegfall von Stellen und finanzielle Kürzungen im Bereich Vielfalt/Migration
  4. Kommunikation & Wirkung: Hope-Based Communication – Positive Beispiele verbreiten
  5. Sichtbarkeit & Zielgruppen: Öffentlichkeitsarbeit – Wie erreiche ich neue Zielgruppen?
  6. Stärke durch Partner:innen: Kooperation und Vernetzung (Kirchen, Migrant:innen-organisationen, Sportvereine)
  7. Regionale Herausforderung: IKW jenseits der Metropolen: Erfolgsstrategien für kleine Gemeinden und ländliche Räume

Wie immer bei der Tagung wurden auch dieses Mal die Motive für Plakate und Postkarten sowie die weiteren Materialien für die IKW 2026 vorgestellt. Das übernahm Steffen Blatt, Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim ÖVA.

Zum Abschluss ging es bei einem von Antonia Rösner moderierten Plenum noch einmal um die Arbeitsgruppen vom Vortag. Berichterstatter:innen aus den einzelnen AGs berichteten über die wichtigsten Themen und Erkenntnisse und setzten sie miteinander in Beziehung. 

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